Schlagwort Maler

August Oppenberg

Biographie des Malers August Oppenberg

1896
Am 7. Januar in Bochum geboren, wo der aus Wesel stammende Vater — die Mutter war gebürtig aus Drevenack — vorübergehend als Bahnbeamter tätig war.

1905
Rückkehr der Familie nach Wesel. Der Vater wird hier Bahnhofsvorsteher.

 

Nach Abschluß der Realschule mit dem „Einjährigen“ geht Oppenberg in den Verwaltungsdienst der Stadt Wesel.

1915-1918
Militärdienst als Artillerist.

1918-1924
Verwaltungsdienst in Obrighoven und Studium an der Kunstgewerbeschule in Düsseldorf

1924  
Beginn der freischaffenden künstlerischen Tätigkeit. Beim Malen in Drevenack Begegnung mit dem Dichter Erich Bockemühl, mit dem ihn dann lebenslange Freundschaft verbindet. Zu Büchern und Schriften Bockemühl’s schuf Oppenberg zahlreiche Illustrationen.

1926
Erste Ausstellungsteilnahme,   „Große Westfälische  Kunstausstellung“ in Dortmund.

1927
Erste Einzelausstellung mit einer Auswahl von Zeichnungen im Städt. Museum Mülheim-Ruhr.

1928
Ausstellung  im Vestischen  Museum  Recklinghausen. Beteiligung an der Ausstellung „Das junge Rheinland“ in der Kunsthalle Düsseldorf.

1929
Erste Ausstellung in der Geburtsstadt Bochum, in der Städt. Galerie, Ausstellung des Zyklus  „Ernte“  im Stadt. Museum Mülheim-Ruhr, Teilnahme an der Ausstellung der „Rheinischen Sezession“ in Berlin, erste Ausstellung in der Heimatstadt Wesel mit 100 Arbeiten.

Ab 1930
Zahllose Einzel- und Gruppenausstellungen im Rheinland und in Westfalen sowie in Frankfurt, Wiesbaden, München, Gera, Dresden,   Oldenburg,   Hannover,   Hamburg,   Berlin,   Stettin, Danzig, Amsterdam, Nijmwegen, Brüssel, Paris, Lille, Florenz und Wien.

1934
Mitbegründer der Vereinigung Niederrheinischer Künstler und Kunstfreunde.

1945
Aus dem völlig zerstörten Wesel geht Oppenberg wieder einmal nach Drevenack, wo er in seinen späteren Jahren beim Ehepaar Dr. Sonsmann großzügige Gastfreundschaft genießt, und mit dem er seit 1955 Auslandsreisen nach Italien, in die Provence und nach Norwegen unternimmt.

1961  
Ausstellung der Stadt Wesel aus Anlaß des 65. Geburtstags.

1967 
Ausstellung der Stadt Wesel zum 70. Geburtstag.

1971   
Am 16. August in Wesel gestorben.

 

 

                                                                                            

Quellen: Erich Bockemühl                                 aus dem   Heimatkalender 1956

 

August Oppenberg dem niederrheinischen Maler zum 60. Geburtstag

August Oppenberg wurde am 7. Jan. 1896 in Bochum geboren. Die Familie der op dem Berge war und ist am Niederrhein und in Westfalen verbreitet und ein zum Künstlertum weisender Sinn findet sich bei manchem ihrer Mitglieder, wie denn der Vater und die Fusternberger Oppenbergs überhaupt auf Grund ihrer Liebe zu Gesang und Musik und ihrer Betätigung als Dirigenten oder Gesangvereinsleiter bekannt waren. Fusternberg liegt unmittelbar bei Wesel, gehört zur Stadt und hat doch, nicht zuletzt auch auf Grund seiner Gemüsefelder, seinen dörflich-bäuerlichen Charakter noch nicht eingebüßt. August Oppenbergs Großmutter war eine Drevenacker Bauerntochter, und Drevenack, zwei   Stunden   östlich   Wesels, hat in Heide und Wald und in Höfen und Katen, die den breiten Straßen entfernter liegen, noch ein gut Teil seiner alten Bauernkultur niederrheinisch-westfälischen oder westfälisch-rheinischen Wesens behalten.

 

Es ist wesentlich, dies in Bezug auf Oppenberg hervorzuheben. Seine Eltern sind aus dem Industriegebiet nicht lange nach seiner Geburt in die Fusternberger Heimat zurückgekommen, der Sohn August hat das Gymnasium besucht und später auch die Düsseldorfer Kunstakademie, der er zwar nach einiger Zeit ohne abgestempelten und auch sonst wesentlich wahrnehmbaren Erfolg den Rücken kehrte. Mit dem Zeichenlehrer war es zum guten Glück nichts geworden, zumal August in dem Beruf auf Grund seiner Veranlagung niemals geblieben wäre. Auch die Arbeit in der kommunalen Verwaltung ertrug er nicht. Seine Eltern waren zudem einsichtig gute Menschen, so daß er eines Tages äußerlich und innerlich befreit mit seiner Staffelei hierhin oder dorthin, woher der Wind des Lebens und des Schicksals gerade wehte, auf der Fahrt war und in Obrighoven oder am Rhein mit der Sicht über den Xantener Dom hinaus oder, und schon bald vorzugsweise, in Drevenack vor Bäumen und Weidengesträuch oder arbeitenden Bauern und Bäuerinnen oder ihren Tieren saß und seine Bilder, einmal in dieser und ein andermal in jener Form und Technik, zeichnete und malte.

 

August Oppenberg hat in seiner Kunst im Lauf der Jahre wesentlich Erfolg gehabt und große Anerkennung gefunden. In den zahlreichen Ausstellungsbesprechungen des rheinischen und westfälischen Landes mitsamt dem weitgedehnten Industriegebiet und darüber hinaus bestätigt sich diese Tatsache. Wenn man schon einmal den Eindruck haben konnte, als ahme er, der in seinen frühen Zeiten lernend von van Gogh und Pankok beeinflußt, niemals aber in Abhängigkeit geraten war, sich selber nach, so beruht diese Feststellung auf einer durchaus irrigen Beobachtung. Jeder Künstler, der es ernst meint mit seinem Werk, muß seine unproduktiven Zeiten haben, in denen ihm seine Kunst erneut zum Problem werden muß. Auch die sogenannte „Technik“ ist nur scheinbar eine äußere, in Wirklichkeit eine differenziert menschtümliche Angelegenheit des Erlebens. Wer freien und nicht einen von der Mode getrübten Blick hat, erkennt die fortschreitende Entwicklung, den organischen Vollzug im wachsenden Lebenswerk unseres Malers und Zeichners, der in seiner Grundstruktur ein Mensch einfacher Seele bäuerlichen Wesens geblieben ist nach dem „Gesetz, mit dem er angetreten“ ist. Es geht — im Sinne Oppenbergs gesagt — in der Kunst (wie Überall) nicht nach dem, was, meist von rezeptiven Menschen, über sie geredet, sondern was in und mit ihr getan worden ist. In dieser Existenzialität kam Oppenberg früh nach Drevenack, wo einst um die Jahrhundertwende die Dückerschule von Düsseldorf aus in unauffallenden Motiven ihr Schauen und Können erproben konnte, und wo er dann auch geblieben ist, dreißig Jahre hindurch bis auf den heutigen Tag.

 

Man hat Oppenberg den „Bauernmaler“ genannt und gewiß nicht ohne Berechtigung. Die bäuerliche Arbeit, die Mensch und Tier einbeschließt, wurde ihm geradezu instinktiv zu immer neuer Thematik. Er wurde der Maler bäuerlicher Arbeit, aber in einer Weise, in der das Tun der Menschen vornehmlich linienhaft, wie bei manchen niederländischen Malern vergangener Zeiten, mit der Landschaft in seltener Prägung und durchaus persönlich objektiv zur Einheit wurde. Die gesamte bäuerliche Arbeit hat der Zeichner und Maler erfaßt, das Roggensäen und -ernten, Unkrautjäten und Kartoffelhacken, heuwendende Mädchen und pflügende wie mähende Männer und in einer Realistik, die symbolisch und in besten Stücken sogar mythisch wirkt. Ich schrieb vor dreißig Jahren in Bezug auf ihn ein vielfach von anderen bestätigtes Wort von der „Primitivität der Linie“. Kunst — wahre Kunst — bedeutet, mit einfachsten Mitteln den höchstmöglichen Eindruck zu erzielen.

 

Man nennt Oppenberg den „Maler des Niederrheins“ und den der Heidelandschaft. Das ist, vom Motivischen aus gesehen, richtig, zumal es sich in Hunderten von Werken bestätigt. Aber die Wolken über dem Strom und seinen Schiffen fahren spürbar in unendliche Fernen. Das Garbenfeld, über dem in zartester Linienharmonie das Sonnenlicht eingefangen ist, hat im äußerlich Bildhaften wohl sein Ende und ist ein Stück Natur, aus der Natur herausgerissen, wie Dürer sagt, aber es ist unter dem Gesetz der Kunst in der Natur verblieben, indem es zugleich die Landschaft versinnbildlicht und mit ihr die Natur in ihrer Ganzheit. Methaphysische Landschaft schließt das Endelose ein, und aus methaphysischem Schauen sind Oppenbergs beste Bilder hervorgegangen. Das gilt für die Feder- und Pastellmalereien, das gilt aber auch für die Ölgemälde vornehmlich der letzten Jahre, wie auch für die zarten Aquarelle, in denen ihm die Abtönung der einen Farbe kontinuierlich zur anderen färbe mit dem Ergebnis farbiger Harmonien in fortschreitendem Maße gelungen ist. Auf Grund dieser Verhältnisse haben seine Arbeiten in ihrer formalen Vollendung überheimatliche Bedeutung erlangt.

 

Mag in des Malers Zeichnungen und Pastellbildern der Landschaft seine größte Stärke zum Ausdruck gelangen: seine Tiermalereien sind nicht weniger individuell geprägt, und seine Porträts sind in Wesen und Form wiederum innerlich mit der Landschaft bäuerlicher Natur verbunden.

 

Was ich vor zwanzig Jahren in Bezug auf August Oppenberg schrieb, kann ich, den Aufsatz zu seinem 60. Geburtstag beschließend, wiederholen: „So gewiß der Maler noch Aufgaben vor sich hat, die er sieht, die er liebt, zu denen er alle Tage neue Freudigkeit hat — so gewiß ist in dem, was vollendet vorliegt, eine Erfülltheit zu erkennen, ein reiches, beachtenswertes und durch seine erdkräftige Wirkung bedeutsames und dazu in vielfacher Schönheit beglückendes Gut.“

 

 

Quellen:  Erich Bockemühl                         aus dem Heimatkalender 1966


August Oppenberg zum 70. Geburtstag!

Vor rund 30 Jahren erschien im Verlag Carl Kühler in Wesel ein Buch mit 35 ganzseitigen Fotografien von Bildern des Kunstmalers August Oppenberg, mit 10 Seiten einführendem Text. 31 Jahre später wurde mir von demselben Maler ein Album geschenkt, das mit der Bestätigung einer 40 Jahre bestandenen Freundschaft mit 60 Reproduktionen einer Auswahl aus dem umfassenden Lebenswerk dieser Jahrzehnte enthielt. Ich mache weder den Anspruch eines Propheten noch eines geschulten Kunstkritikers, aber was ich voraussagend seinerzeit niedergeschrieben habe, fand ich glückhaft bestätigt, zumal ich das gesamte Schaffen August Oppenbergs mit Interesse habe begleiten können. Habe ich als Freund des Malers das Recht, über ihn zu schreiben? Der Dichter Otto Brües schrieb einmal bei einer ähnlichen Gelegenheit: „Wenn alte Spießgesellen . . ., die seit Jahrzehnten an der Arbeit sind, füreinander eintreten, heißt das nicht unbedingt, daß wir pro domo reden — Erfahrung und Weisheit sind auch etwas, und sie gestatten eine Unbefangenheit, die die Jugend nicht immer hat . . .“ Es ist ja nicht mein Verdienst, daß ich vor 30 Jahren jene Seiten schreiben konnte, sondern ich schrieb aus dem überzeugenden Eindruck, den mir das damalige, noch junge Werk des Malers und Menschen August Oppenberg entgegengebracht hatte, seine intuitiv in der Persönlichkeit gesicherte Art der Komposition wie der ihm vorgegebenen Ausdrucksmöglichkeiten mit der Zeichenfeder, der Kohle, vornehmlich in der Linienharmonie, auch der Farbe, mit öl, Tempera, immer mit der im Einzelhaften gelungenen ErfüIItheit, in der Weise, daß auch nicht einmal eine leere Stelle bleiben konnte, die hernach aus Verlegenheit hätte ausgefüllt werden müssen. Und eben dies war für mich bestimmend, nämlich die jedesmalige Vollendung des inneren, vor der äußeren Natur geschauten Bildes, die Ganzheit eben eines künstlerischen Ergebnisses. Oppenberg hat ausgewählt, was er aus seinem Schaffen eines halben Jahrhunderts als bleibend anerkennt. Es mag schon hier gesagt sein, daß man ihn lediglich als einen Maler der Landschaft ansehen wollte, dem gegenüber die Tatsache besteht, daß unter rund 3000 Bildern nur wenige 100 vorliegen, in denen nicht der Mensch, und vorzugsweise der bäuerliche, im Mittelpunkt steht.

 

Steht nicht auch hinter jedem lyrischen Gedicht auch der Mensch mit seinem Erlebnis? Und auch im bloßen Landschaftsbild des Malers ist ausschlaggebend, daß der Betrachter erleben kann, wie der Künstler die Landschaft sah, indem auch der Betrachter zu schöpferischem Mitgestalten angeregt wird. Er wird dem künstlerischen Werk gegenüber als Zweitschaffen der ein Nachgestalter des Geschauten in sich selbst, worin ja überhaupt die Wirkung der Kunst beruht.

 

Auch dem schaffenden Künstler sind dem, was ihm zu gestalten vorgegeben ist, Grenzen gesetzt, denn alle Kunst ist im Einzelhaften individuiert. Hölderlin sagte einmal: „. . . das meiste nämlich vermag die Geburt“, und Goethe spricht in seinen „Urworten“ von dem Gesetz, wonach du angetreten bist: „Und keine Zeit und keine Macht zerstückelt geprägte Form, die lebend sich entwickelt.“ Und das bezieht sich nicht nur auf den Künstler, sondern in gewissem Grade auf jeden Menschen. Wenn ich mein Oppenberg-Album von 1965 in Betracht ziehe, dann erkenne ich nach 30 Jahren in den Bildern die Entwicklung und wie sich die „geprägte Form“ vielseitig ausgewiesen hat. Indem der Maler sich im Innersten seines Wesens treu geblieben ist, haben sich die Möglichkeiten bedeutsam erweitert, das Wesen ist vertieft und individuell deutlicher geworden. Das im einzelnen darzulegen, würde der Raum nicht ausreichen, zumal dazu auch die Bilder selbst zugegen sein müßten.

 

                                                                   Am dem Wachtenbrink von August Oppenberg

 

Als ich August Oppenberg vor mehr als 40 Jahren vor seiner Staffelei auf dem alten Drevenacker Dorfschulhof kennenlernte, war er der Kunstgewerbeschule bereits entlaufen. Er verdankte es seinen Eltern, daß sie seinem Entschluß, sich mutig für sein Leben auf seine künstlerische Begabung zu berufen, Verständnis entgegenbrachten. Vielleicht ist sein Interesse für die Drevenacker Landschaft und die bäuerliche Arbeit auf die aus einer Drevenacker Bauernfamilie stammende Mutter zurückzuführen. Dem musikalisch veranlagten Vater verdankt er wohl die Frohnatur und „die Lust zu fabulieren“. Wenn „August“, wie er in der Drevenacker Bevölkerung genannt wird, mit der Staffelei unter dem Arm auf die Heuweiden oder den Kartoffel- oder Rüben- oder den gemähten Roggenacker zog oder auch in die Gegend der Wacholderheide der Loosenberge, und wenn er vor der Staffelei auf die innere Anschauung des werdenden Bildes wartete, dann war sein Tun allemal von einem summenden Singen begleitet, das auch für sein gesamtes Wesen als charakteristisch anzusehen ist — auch heute noch, denn er hat eine heitere Natur. Er ist ein allzeit gütiger Mensch, in allem anspruchslos und in seinem äußeren Gehaben wie ein Bauer, wozu zu sagen ist, daß der Bauer keineswegs ein „ungebildeter“ Heimatgenosse ist. Erst in späteren Jahren hat er seinen Gesichtskreis geweitet, indem er in die französische Provence, nach Italien und nach Norwegen gereist ist.

                                                             Blick vom Wachtenbrink von August Oppenberg

 

Wie viele ernstzunehmende Maler seiner Zeit war auch Oppenberg von van Gogh angeregt, was sich bei ihm aber sogar bis in manche Holzschnitte eigenpersönlich schöpferisch auswirkte. Vielleicht war es das Erlebnis des sonnigen französischen Südens, das ihn in den letztvergangenen Jahren erneut vorzugsweise zur Ölmalerei veranlaßt hat mit dem Ergebnis stark beeindruckender leuchtender Farbensymphonien. Es ist nicht so, als habe er in der Darstellung der bäuerlichen Arbeit sein Genüge gefunden. Seine Tierbilder und Menschenporträts sind beachtenswert, und wenn er der Einfachheit und Verschwiegenheit der Heideformationen zugetan war, dann vermochte er wiederum das flimmernde Sommerlicht in seine Zeichnungen einzufangen und die Striche zur Höhe hin immer feiner werden zu lassen, um damit über den Horizont hinaus die Unendlichkeit der Landschaft zu symbolisieren. Nicht vergessen seien seine Bilder vom strömenden Rhein mit seinen breiten Kähnen unter der Gewalt sich dunkel ballender Gewitterwolken, und es ist berechtigt, ihn als Maler des Niederrheins in bevorzugter Weise anzuerkennen. Seine Arbeiten sind weithin über den Niederrhein hinaus bekannt geworden. An zahlreichen Ausstellungen hat er sich erfolgreich beteiligt, und es darf ihm wesentlich sein, daß man seine Bilder nicht nur in besonders kunstinteressierten Familien, sondern auch in Bauernstuben finden kann. Daß er die abstrakte Kunst ablehnt, braucht unter der Vergegenwärtigung seiner engen Naturverbundenheit nicht zu wundern. Jedweden Richtungen und allen „Ismen“ hat er zeitlebens ferngestanden, und das tendenziöse „Machwerk“ hat er in einer Bildreihe satirisch verspottet. Dagegen aber haben ihn Anfang der 20er Jahre die unbeeinflußt eigenartigen Malereien der Drevenacker Dorfschulkinder so interessiert, daß er einen Teil aus eigener Initiative in einem Weseler Schaufenster ausgestellt hat. In der nationalsozialistischen Zeit hat er, was ihm nicht vergessen werden soll, den Mut gehabt, in Weseler Ausstellungen Werke „verbotener“ Maler wie Pudlich und Rohlfs zur Geltung zu bringen.

Er ist trotz seiner siebzig Jahre jung geblieben, obwohl das schneeweiße Haar auf seinem Junggesellenkopf allmählich etwas schütterer geworden ist. Draußen in der Natur oder auch in seiner Fusternberger Dachstubenwerkstatt (dem Begriff „Atelier“ geht er bewußt aus dem Wege) schafft er ungehindert weiter. „Wenn ich nicht mehr malen kann, dann hat das Leben für mich keinen Sinn mehr.“ Nun — mag ihm das Leben noch für lange Zeit einen Sinn behalten, das mag man für ihn selbst wie auch im Interesse seiner ihm zugetanen Freunde und Bekannten von Herzen wünschen. Menschen- und Künstlertum sind in ihm eines, und damit ist viel gesagt.

 

Quellen:  Erich Bockemühl                                  Heimatkalender 1956/1966

Otto Pankok

 Heimatkalender  Landkreis Rees im Jahre 1964

 

 zu seinem 70 Geburtstag – von Erich Bockemühl

 

 

Daß der Kunstmaler, Graphiker und Plastiker, Professor i. R. der Düsseldorfer Kunstakademie Otto Pankok, mit seiner Gattin und Tochter seit mehreren Jahren im „Haus Esselt“, unweit Wesels am Isselflüßchen friedsam zurückgezogen, immerfort schaffend, wohnt, kann den Lesern des Heimatkalenders nicht verborgen geblieben sein, auch nicht, daß es ihm vergönnt war, am 6. Juni des  vergangenen Jahres seinen 70. Geburtstag zu  erleben. So viele Besucher an einem Tag hat  das alte Jagdschlößchen in seinen felsenstarken Mauern noch nie zu bergen brauchen. Diese Tatsache mag schon allein als ein Zeichen großer Beliebtheit gelten. Nicht weniger aber oder noch mehr erwies sich die mit edler kongenial interpretierter Musik umrahmte, von der Vaterstadt Mülheim veranstaltete Feierstunde, verbunden mit einer ausgezeichnet arrangierten Ausstellung im Festsaal der Stadthalle am 30. Juni als eine Dokumentation dafür, daß sich des Meisters in den vergangenen Jahrzehnten vielfach umstrittenes Werk nicht nur bis zu  seiner Anerkennung,  sondern  schlechthin zur Verehrung durchgerungen hat, und zwar  ohne  managerhafte  Propaganda,  sondern lediglich dadurch, daß es da ist, geworden aus der Genialität einer seltenen künstlerischen Berufenheit, verbunden mit dem ursprunghaft menschtümlichen Wesen seines Gestalters.

 

1933/34 wurde das als Buch erschienene Werk der 60 großen Kohlegemälde „Die Passion“ auf Anordnung der damaligen Machthaber eingestampft, die 1936 mehrere Lastkraftwagen mit Bildern und ebenso hochwertigen Plastiken abschleppen und vernichten ließen. Es wurde in den Jahren nach dem Krieg durch den Rundfunk bekannt, daß Pankok im Einverständnis mit Frau und Tochter Juden verborgen gehalten und gerettet hat. Eigene Lebensgefahr, eigene Mitleidsnot hatten ihn nicht gehindert, an seinem Werk zu schaffen, vielmehr war es die Not seiner Seele, aus der die große Verkündigung der „Passion“ wie auch das „Zi-geuner“-Buch, auch das Holzschnittwerk von den „Räubern des Liang Schan Moor“ hervorgegangen sind.

Ist nicht aber jede wahrhaft große Kunst (Rembrandt, Beethoven, Hölderlin) aus dem Leid hervorgegangen, der Problematik des widerspruchsvollen Lebens, jener allverbindenden Liebe zutiefst religiöser Wesenheit, jenem „Dennoch“ der in sich gesicherten Persönlichkeit, die unter dem Zwang des höheren Auftrags den Ausgleich fand und findet?! Schon in dem 1930 erschienenen Buch mit 150 Reproduktionen, „Stern und Blume“, hat der sich selbst bekennende Autor instinktsicher vorausgesagt, was sich mit ihm und um ihn ereignen konnte, und seine „Zehn Gebote für den Künstler“ haben sich in dreißig Jahren mehr und mehr bestätigt.

„Es hat eine Zeit gegeben“, so schreibt er, die „Passion“ einleitend, „in der die Menschen herablassend und mitleidig über das Wort Albrecht Dürers lächelten: Kunst ist die Darstellung des Lebens und Sterbens unserer Herrn Jesus Christus . . . jenes Christus allerdings, der Idee, Wesenheit, Prinzip und Aufgabe ist in der Art, wie er (Joh. 8. 58) sagt: ,Ehe denn Abraham ward, bin ich‘, nämlich vor allem Anfang und über alle überschaubare Zeit hinaus die einzig das Leben dieser Welt erhaltende Liebe.“

In dieser Hinsicht ist das Wesen Pankoks auch in seinem gesamten Werk unendlich geweitet in einem sozialen Sinn, der der Armut, dem Elend, der Not zugestimmt ist und in welchem sich seine charaktuell und sicher gezeichnete Persönlichkeit bestätigt. Wer aber dem Leben vorbehaltlos zugeneigt und ergeben ist, der vermag auch zu lachen und gelegentlich seines Geburtstags zu schreiben: „. . . übrigens ist 70 eine fatale Zahl. Ich komme mir als mein eigener Großvater vor, wenn ich schreibe. Man hat sich das gar nicht so richtig ausgemalt, wie das ist. Ob man sich daran gewöhnt? Ich glaube nicht. Die Sache bleibt mies.“ Wer so zu schreiben vermag, der wird weiter schaffen, und vor allem auch hat er den Humor, der sich auch in seinen Gestaltungen vielfach zeigt, der aber das voraussetzt, was wir unter„Persönlichkeit“ verstehen wollen. Humor auch aus Resignation? Und wenn schon — aber Humor aus Güte zum anderen und zu sich selbst.

Otto Pankok war in vielen Landen, in denen sich sein schöpferisches Wesen beheimatet gefühlt hat. Saarn war noch ein Dorf, als dem Sohn des Arztes, der sein Vater war, das Leid der Menschen schon früh entgegentrat. Der alte Museumsdirektor i. R. Dr. Werner Kruse hat in Mülheim am 30. Juni ein ergreifendes Bekenntnis zu Pankok ausgesprochen. Er konnte es, weil er dem aufstrebenden jungen Menschen schon früh zugetan war und 1933 den Mut hatte, die 60 Bilder der „Passion“ auszustellen, und „nicht nur das Museum, sondern“, wie es in dem vornehm ausgestatteten Programmheft heißt, „auch durch zahlreiche Bürger wurde seine Kunst fest im Bewußtsein der Stadt verankert.“ Worte, die in unsern Tagen selten und um so mehr zu beachten sind. Pankok hat in den Jahren und Jahrzehnten in Norddeutschland, Sardinien, Capri, Catalonien, Oberyssel, im Rhonedelta, Spanien, Jugoslawien gewohnt und gewirkt und zwischendurch zweimal in Drevenack, in den Jahren 1926 und 1927, von wo aus er auch sein jetziges Domizil kennenlernte.

Aus dem gesamten Werk tritt neben dem Menschen auch die Natur und mit ihr die Landschaft integrierend, unerläßlich notwendig hervor. Gewiß verwandelt sich ihr Bild in die innere Anschauung, und wer das in dieser Arbeit bereits Gesagte in Erwägung zieht, wird es verstehen,  wenn   man  nachdrücklich  darauf  hinweist,  daß  in  den  Naturdarstellungen  der Mensch, auch wenn er körperhaft nicht zugegegen, aber als der in der Intuition „Andere“ im Unterbewußtsein mitvorhanden ist. Zudem wird die äußere Natur durch das Interesse jedes besinnlich Betrachtenden erst belebt. Es ist die unerklärlich formwirkende Kraft der Seele, in der sich jene Harmonie vollendet, die das organisch hervorgegangene Kunstwerk darstellt. Es beruht auf der Weite der Seele des in sich Schauenden, daß das naturhaft Einmalige nur die Veranlassung zu dem ist, was sich visionär zum Übersinnlich-Allgemeinen steigert. Einem Künstler und Menschen wie Otto Pankok muß man schon das Vertrauen entgegenbringen, daß das, was er darstellt, nicht einer Willkür unterliegt, sondern daß es aus tieferen Gründen unbedingt wahr ist, eine nicht wegzuleugnende Wirklichkeit. Und wer nicht gleich mit einem Bild sympathisieren kann, der soll die Ursache nicht im Künstler, sondern in sich selber suchen. Ein Werk der Kunst kann und darf auch nur an sich selbst gemessen werden, und nicht etwa an der Natur, man kann es allenfalls als eine andere oder höhere Natur anerkennen, aber es ist durch das Erleben des Menschen gegangen, der sich in seiner seelischen Struktur nicht selbst geschaffen hat und schließlich doch darum auch unter einem göttlichen Auftrag steht. Die Ehrfurcht ist es, die heute vielfach fehlt, und begreiflicherweise in einer Zeit, in der es Leute gibt, die glauben machen wollen, daß ein Werk der Kunst nichts anderes sei als die Anwendung einer Geschicklichkeit.

Es ist zudem auch ein erfolgloses Beginnen, Pankoks Bilder interpretieren zu wollen. Wer es nicht fühlt, erjagt es nicht, nicht wer die Demut hat, sich einem Werk hinzugeben, der muß für ihn selbst bedauerlicherweise abseits stehen. Das Bild im Dunkel des Friedhofs wie auch das des bäuerlichen Leichenzuges unter der kosmischen Gewalt der aus den Wolken hervorstrahlenden Sonne stammen aus der Drevenacker Zeit, wie auch wohl jenes, in dem ein Mensch, seinen Tieren den Rücken kehrend, einsam vor dem Rätsel der Unendlichkeit steht. Überwältigend ist in solch großen grau-weiß-schwarz getönten Kohlegemälden die Einbezo-genheit ins Kosmische, die Wirklichkeit wiederum des Kreatürlichen, wie eben erst aus der Schöpfung hervorgegangen, und nicht minder jene versinnbildlichte Realistik eines Bauern mit dem sich aufbäumenden Pferd. Es darf wohl gesagt werden, daß unter den zahlreichen Malern, die seit der Jahrhundertwende in Drevenack tätig waren, Pankok derjenige ist, der auch die vielfach verborgene Dämonie dieser „alten Landschaft“, wie sie sich ehedem noch mehr als heute darbot, erfaßte.

„Er lebte mit uns in unserer kalten Stadt“ ist ein Wort, das, wie auf Dostojewskij, auch auf Pankok anzuwenden wäre. Es ist auf engem Raum nicht möglich, das gesamte Werk in seinen verschiedenen Erscheinungsformen, seiner Fülle, episch-dramatischen Macht und wiederum vielfach lyrischen Schönheit auch nur anzudeuten. Im Frühjahr wird ein umfassendes Buch erscheinen, das mit 96 Seiten Text und 132 Kunstdrucktafeln „Das Werk des Malers, Holzschneiders und Bildhauers“ kennzeichnen wird, des Mannes, den einer, der es zu verantworten wußte, den „Rembrandt unseres Jahrhunderts“ nannte.

Es gibt zur Zeit keinen Künstler, der so tief in die menschtümliche Problematik unseres Lebens überhaupt hinabgestiegen und zugleich ein Künstler solcher Kraftentfaltung und Begnadigung ist wie Otto Pankok im „Haus Esselt“ im Kreise Rees.

. . .

Frei glauben die Menschen zu sein, wenn sie ihren Gelüsten gehorchen dürfen.

                                                                                            E. v. Feuchtersieben

 

 

 

Quellen:  Erich Bockemühl                                           Heimatkalender 1964

 

 

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