Schlagwort Erich Bockemühl

Aus den Erinnerungen . . .

Aus den Erinnerungen eines Dorfschullehrers

Die alten mächtigen Kiefern des Heidewaldes, in dem vor hundert Jahren das Schulhaus breit-hin gebaut wurde, sterben langsam dahin, und den beiden letzten dunkelborkigen und gar nicht mehr weißen alten Birken brach vor einiger Zeit der Wirbelsturm die morschen Äste aus den hohen Kronen. Ihre Zeit ist vorbei, und der Schreiner wird ihnen schon im nächsten Herbst ein schnelles Sterben geben. Man liebt die Bäume, mit denen man Jahrzehnte lebte, ihr lieblich helles Blättergewölk im frühen Frühjahr und ihr freundliches Vergolden im sonnigen Herbst. In den Kronen unserer alten Bäume nisten die Elstern, flötet der Pirol und klettern und springen die Eichhörnchen. Wenn aber die letzte Kiefer mit ihrem nun noch rauschend geballten dunklen Nadelgeäst auch zerbrochen sein wird, dann steht die Eiche immer noch, obwohl zweimal der Blitz sie zu zersplittern drohte, breit und stark über den zarten jungen Linden und wahrt vielfach schicksalumdroht Jahr für Jahr mit neuem Ergrünen ihr trotzendes Dasein. Schon aber ragt an der anderen Seite des Hauses die Akazie hoch über die Drähte der Starkstromleitung hinaus. In den Tagen des Ersten Weltkrieges habe ich den Baum selbst gepflanzt und später oder früher alle die Sträucher, durch deren buschiges Erbreiten, 

                                              Die alte Dorfschule in Drevenack

wie wir es lieben, dem sogenannten „Vorgärtchen“ nur ein einziges Blumenbeet geblieben ist. Den Dank für dieses scheinbare Verzichten singen mir im Lenz die Drosseln und die Grasmücken und auch noch die Nachtigallen über den wilden Rosen, dem wilden Flieder, Faulbaum und rankenden Geißblatt oder in den Ebereschenbüschen, die im späten Sommer ihre roten Früchtedolden hängen lassen. So wächst und singt und blüht der Wald bis in unser Haus, bis dicht an die Fensterscheiben meines Arbeitszimmers, und es rauscht der Wind der Ebene, der weiten Heidelandschaft — und es braust der Sturm der Ferne über unser Haus und durch unsere Seelen, wenn wir in den Abenden die Stille und in der Einsamkeit die größere Gemeinsamkeit erleben.

Wenn mich einer fragen sollte, warum mir diese Landschaft zur neuen und wohl eigentlichen Heimat wurde, dann werde ich sagen, daß ich sie liebe, daß einer seine Heimat suchen kann, indem sie ihm im Blut liegt, daß in diesem Blut ein unbewußtes Drängen ist, eine verhaltene Sehnsucht, die sich zu erfüllen scheint in einem Finden, einer Beruhigung und Stille, aus der ein neues Wachstum, Werden sich gestaltet. Man steht zwischen grünen Hecken eines Dorfes, in dem ein Kirchturm wie ein Wehrturm aufragt, und sieht vor allem ringsum eine Ferne, aus der der Blick zurückkehrt über Wälder, Heide, Felder, und freut sich im kleinen auch, daß die Wacholder noch bis auf den Schulhof wachsen. Dies war einmal. Das Besitzergreifen oder das Erleben der Einswerdung einer inneren und äußeren Landschaft, das war einmal und ist immer wieder, weil alle Jahre ein neuer Frühling wird und neuer, herber Herbst, dem die Landschaft mit den dunklen Kiefern und den alten Eichen auf der Landwehr mehr gemäß ist als irgend einer anderen Jahreszeit, und weil mit jedem Tag ein neuer Morgen wird über den östlichen Hügeln, über die sich der Qualm der ersten Zechen wölbt — und ein neuer Abend, in dem das Land in Wolkennebel oder rötlich goldener Sonne, die aus den finsteren Föhren noch viel roter scheint, versinkt. Und wenn mich einer nach dieser Heimat fragt, sehe ich nun schon meine Enkelkinder im Sande spielen — auf dem hohen Hügel vor der Kirche — auf dem einst meine Kinder Burgen bauten, Häuser und Türme und Backöfen, in denen man die aus Mutters Hühnerstall gestohlenen Eier braten kann, und ich erinnere mich, daß meine großen Jungen mit Pferd und Wagen umzugehen wissen, und daß meine Töchter heute noch, aus den Städten heimgekehrt, mit den Gespielinnen von einst plattdeutsch sprechen. Und ich sehe Mädel und Jungen vor mir, wie sie eines Sinnes mit mir werden, wenn ich ihnen von der Landschaft erzähle, ihrer Einfachheit und Schlichtheit und Ursprünglichkeit, die sich auch in ihren Bewohnern offenbart und die ihnen und uns allen ein Sinnbild sein kann für alles, was die Zeit von uns verlangt: Schlichtheit, Einfachheit, Ursprünglichkeit . . ., die Bereitschaft, zu entbehren, arm sein zu können um des anderen, um eines inneren Reichtums willen . . ., kraftvoll den Stürmen, dem Schicksal, bereit — so, wie sich diese Landschaft dartut in gebreiteter Ergebenheit und so, wie die einsamen Menschen dieser Landschaft selber sind: zäh dem Augenblick und dem Unendlichen ergeben; denn heiße Sommer verbrannten noch vor wenigen Jahren ihr spärliches Wiesengras, und noch in diesem letzten Jahre ergrünten die Körner des vom Regen niedergeschlagenen Hafers, ehe er gemäht war . . .

Wenn ich sage, daß ich Lehrer dieser Landschaft war, der die Kinder einstiger Schüler und Schülerinnen wieder aus der Schule entließ, und wenn ich von dieser Schulmeisterei erzählen sollte, dann würde ich wieder von der Landschaft erzählen und ihren Menschen, denn es ist alles Lernen ein Unding und ein Irrtum, wenn es anders sein soll, als daß sich das innerste Auge, das innerste Ohr auftut und schaut und lauscht . . . und ist es dann nicht die Heimat selbst, die ruft und zugleich gerufen wird und in Bereitschaft ist, die sich regt, erregte und wirkend wirklich ist? Alles Lernen kann nur heimatliches Lernen sein, denn auch die große Welt ist Heimat dem, der Heimat hat. Und ein anderes noch: es wird niemand die einfache und kleine Schönheit sehen, der sich in sich selber nicht die Ursprünglichkeit des einfachen Wesens gewahrt hat, der nicht die große Schönheit in sich selber trägt. In diesem Sinne ist es wahr, was immer noch der Bauer spricht,, daß nur der im Großen treu ist, der im Kleinen seine Treue in der einfachsten und kleinsten Gemeinschaft offenbart. Wenn mich aber einer fragt, warum ich immer noch im Herzen Lehrer bin, dann antworte ich, daß ich es immer wieder bin und daß ich als Lehrer wie als Dichter eines bin: Schaffender aus Notwendigkeiten, die ich selber nicht bestimmen kann, in denen aber die Landschaft meiner Wahlheimat vielfach bestimmend ist.

Knut Hamsuns „Segen der Erde“ mit dem Bauer, der „ein Baumstumpf ist mit Erde dran, inwendig aber wie ein Kind“, könnte sich in dieser Landschaft der rechtsniederrheinischen Heidehöhen ereignet haben, und Maler, die die Metaphysik dieser Landschaft und die Arbeit malten, könnten dieses Buch illustrieren. Hamsuns unendlicher Blick und die weltfromme Verehrung alles natürlichen und wahren Seins! Der Bauer hat das Ödland urbar gemacht. Vor fünfzig Jahren noch schickte er seine Heidschnuckenherde zwischen die hellen und die dunklen Wacholder. Auf der Höhe ist nichts als Sand, und das Leben ist anders als auf dem Marschboden der Niederung. Zähigkeit und letzte Sparsamkeit aber haben auch den Heidebauer wohlhabend gemacht . . . Und wenn — Gott sei es geklagt — manches Bruch und mancher stille Weiher trockengelegt wurden und Wollgras und Sonnentau und der himmelblaue Enzian mehr und mehr verschwinden, so ist doch noch manches Bild einstiger Ursprünglichkeit geblieben und wird uns als Sinnbild und Wirklichkeit zugleich für alle Zeiten gewahrt. Wer Annette von Drostes „Heidebilder“ in Wald und Flur erleben will, der mag durch diese Landschaft wandern. Und wer weitergeht, die Höhen hinauf, die der Gletscher der Vorzeit angeschüttet hat, der mag in herbstlichen Abenden, dem orgelnden Röhren der Hirsche lauschend, Ursprünglichkeit und unmittelbare Natur erleben.

Auf der Landwehr, einem Grenzwall, wahrscheinlich aus der Merowingerzeit, stehen die alten Eichenstümpfe. Karl und Widukind und früher Hermann und die Römer! Heinrich I, Otto der Große und die späteren Franken — in diesem Land der Niedersachsen und der Franken und der Friesen ist in früher Zeit viel geschehen. Jener Kirchturm ist fast tausend Jahre alt. Memoirensteine mit dem germanischen Sonnenzeichen in der Mauer stammen aus dem 10. und 9. Jahrhundert. Herbe Wirklichkeit des Naturempfindens verbindet sich mit dem Empfinden ferner germanisch-deutscher Vergangenheit, und das Hünengrab und sonderbare Formationen in der Heide und im hügeligen Wald verstärken das Gefühl der Bodenständigkeit und Erdverwachsenheit auch eines Bauerntums, das — wenn auch die Kinder heute vielfach hochdeutsch sprechen — ursprüngliches Wesen gewahrt hat in Sitten und Gebräuchen wie in der herben Sachlichkeit, die der karge Sandboden bedingt, wie in der Verborgenheit der Seelen, die wie überhängt sind vom schleierhaften Geheimnis, das auch — und selbst in hellen Sommertagen — über der weiten Fläche der Landschaft mit ihren Wacholdern, dunklen Kiefern, ihren bewegten Birken und an Wassern immer bewegter Pappeln und selbst über dem blühenden Meer der gelben Ginsterwogen des Frühlings, über dem die Heidelerche singt und der Kuckuck ruft, zu schweben scheint . . .

Von den sandigen Höhen wandern die Bäume der Wälder in Alleen durch die wogenden Felder der Niederung und weiter bis zum Strom und ins brüderlich-niederrheinische Land der anderen Seite. Rechts breiten sich die Wälder und Felder ins westfälische Land — und nah, ganz nah ist die Industrie, deren feurigen Schein wir im Abend sehen und die wir als die ferne Küste eines wirklich anderen Lebens empfinden, wenn unser Dorf die stille Insel ist im Meer der Heide und der Wald- und Felderflur. War dies einmal und ist es schon nicht mehr? Aber was einmal wirklich war, lebt in der Seele immer noch, wenn sie ihr Eigentliches nur zu wahren weiß.

Heimat als Wurzelung — und Seele als Volksnatur und Wesenheit ewiger Welt! Heimat als Sinnbild im Gegensatz zu aller sentimentalen lokalpatriotischen Begrenzung! Die Aufgabe des Dichters kann nicht begrenzt sein, indem sein Blut die Aufgaben seines Müssens vor allem Anfang gegeben hat. Ein wahrhaft persönlicher Mensch aber ist ein heimatlicher und volksverbundener Mensch. Der Dichtung eines Menschen aber werden immer die Bilder und Besonderheiten der Landschaft, die ihn selbst vielfach bestimmt, zu eigen sein. Es mag einer seine Heimat vor allem Wollen haben — derjenige aber, der sie zuerst suchen muß, sucht sie mehr in sich als außerhalb und findet außerhalb nichts als die Bestätigung seines Innern. Und was wir Wahlheimat nennen, ist somit nicht minder vorbestimmt.

Herbst- und Winterstürme brausten wieder einmal über unser Haus, die die Stürme unserer Heimat sind, und — wir wissen und fühlen es wohl — die Stürme auch der ewigen Welt. Aus Herbst und Winter war wieder Frühling geworden, und wir sehen es schon jetzt, daß unsere alten Birken doch noch einmal ergrünen konnten. Unsere Frühlingswinde, die in heimatlichen Bäumen wehen, wehen weit hinüber übers Land zu denen auch, die die Schule und das Dorf verlassen haben. An den  Lebensbäumen unserer Heimat grünt Erinnerung . . .

Uns ist wohlgetan.Wenn aus der dunklen Stunden Erdreich sich die lichte Blüte Heimat treu erschließt . . .Mögen sie, die ferngewandert sind, ihres Heimatwesens wunderbare Erdengüte grüßen — wir grüßen sie alle gern mit demselben Gruß. Denn — es ist so hier bei uns — wir kennen uns alle noch . . .
Es ist das tiefste Glück der Einsamkeit, daß in ihr die größte tatbedingte Gemeinsamkeit beruht und damit die Kraft zu zeit- und ewigkeitbedingtem Kampf im Dienste des, das wir „Leben“ nennen.

Es sind Jahre vergangen, seit ich dieses schrieb, und es sind schwere Schicksale über uns dahingegangen. Was in uns bleibend ist, ist unsere seelische Substanz. Ich war wieder einmal dort, wo nicht meine Wiege stand, wo aber meine Seele Heimat fand. Die Landschaft und die Menschen als Einheit in sich zu tragen, die alten Kiefern und die jungen Birken in einer himmelüberwölbten Einheit in sich als unzerstörbar lebendiges Wesens-Sein zu wissen, das ist Heimat im vielfältigen, nicht zuletzt auch sozialen Sinn. Man spürt es, wenn man wiederkommt, und mehr noch immer wieder, wenn man Abschied nimmt, wie man bis in die Sphären des Unbewußten hinein der Landschaft und wie einem die Landschaft selbst treu geblieben ist und wie man sich gegenseitig treu verbunden bleiben wird.

 

 

Erich Bockemühl                                                                  Heimatkalender 1969

Minele eine . . .

Minele, eine Herbstelegie

Wenn zwischen Regen und immer wieder Regen plötzlich und ganz unerwartet ein sonnig goldener Herbsttag mit blauem Himmel weithin aus den trüben und feuchten Dämmerungen hervorgeht, dann ist es bei mir immer wieder so, wie es einstmals war, wenn mir Minele hinter Georginen und buntem Phlox her lachend einen rotbackigen Pfirsich entgegenwarf. Wir waren Nachbarskinder und so lieblich heiter miteinander befreundet, wie Mineies weiße Leinenkleidchen mit bunten Blumen geziert waren. Phlox, diese süßduftende Blume, die der Herrgott ganz gewiß als Muster für den Zierat der Mädchenkleider hat wachsen lassen, blüht allemal den Sommer in den Herbst hinein.

In unserem Lande der Ebene vergehen die Farben unter dem gleißenden Sonnenlicht, und erst ein bewölkter Himmel läßt die Gärten und die Fluren mit der Einfachheit des „Gelb und Rot und Weiß und Blau“ — („daß ich meine Lust dran schau“, haben wir in der Schule gelernt) — um so bunter und um so heiterer erscheinen. Minele … es war auch später nie etwas von Sommerglut der „Liebe“ in unserer Freundschaft. Wir waren ihrer ja auch gewohnt seit unseren frühesten Tagen. Man hätte eher noch von einem bleibenden frühen Frühling reden können. Aber es war denn doch ein Herbst geworden, ein früher Herbst mit seiner stillen Ergebenheit und mit seinen Blicken, die manchmal wie hinter feuchten Nebeln noch zu lächeln scheinen. Ob Minele früh schon etwas ahnen mußte?

Minele — wie sie aufjauchzte, als der Lehrer das bunte Herbstbild entrollte, an dem wir richtig sprechen lernen sollten: „Der Knabe hat den Hut in das Gras gelegt. Das Gras ist grün. An dem Hut steckt eine Hahnenfeder. Die Feder ist bunt.“ Ergebnis? „Der Knabe hat den Hut mit der bunten Hahnenfeder in das grüne Gras gelegt.“

Minele durchbrach das Gesetz der allerbesten Methodik, indem sie jubilierend aufjauchzte und sprechen konnte, wie es ihr der liebe Gott gegeben hatte und wie es sie kein Lehrer lehren konnte: „Die Kapelle da oben, und der Schäfer mit den Kühen. Bei uns sind die Kühe immer auf der Weide, auch nachts, bei denen da bringt sie der Hirt nach Hause, und der hat da ein Tuthorn . . . und der Junge da mit der blauen Bluse, und der Hut ist grau, da läutete eine Glocke und da der Himmel, und wie das Haus ganz goldig ist . . .“ Es war ein Lobgesang auf den Herbst, in dem auch die Zwetschen und bunten Äpfel auf den Bäumen mit dem gilbenden Laub nicht vergessen waren. Ein aus dem Herzen und der Freude gesprochenes Lied war es, das den Lehrer nicht weniger erfreute als die ganze Kinderschar. Wir waren in jenen Zeiten noch kleine Schulkinderlein, das Minele und ich. Später sind wir im Zuckerkirschbaum umhergeklettert und haben uns die Steine gegenseitig an den Kopf geworfen oder ins Gesicht „geschossen“. Und wieder etwas später begleiteten wir den Knecht, wenn er Klee holte und warfen uns hernach in den süßen Duft, in die kühle Frische und ließen uns heimwärtsfahren. Und auf der Treppe saßen wir und nagten an den frischroten Möhren. Minele säuberte eine ander Pumpe, und wir bissen abwechselnd in dieselbe Süße hinein. Und dann zuweilen kam mir zwischen Blumen her ein dicker Pfirfich beinah ins Gesicht geflogen.

Liebten wir uns? Ist es nicht viel schöner und bescheidener gesagt: Wir hatten uns lieb? Als mir später meine Mutter, indem sie die Hand auf die meine legte, sagte, daß Minele sehr krank sei und bald sterben werde, was sie aber selbst nicht wissen dürfe, wurde das, was wir unsere Liebe hätten nennen können, so wunderbar herbstlich umgoldet, so schmerzlich umholdet, daß mir die stillen Bilder unvergeßlich sind. Wir fuhren in der kleinen Gig mit dem Pony über Land, sie und ich, und niemand „dachte sich etwas dabei“ (wie man so sagt), weil man unser Miteinandersein gewohnt war. Ich mußte dann alsbald meiner Ausbildung wegen das Elternhaus verlassen und wohnte Jahre später am Rande der großen Stadt und kam wieder einmal von Mineies Grab zurück, saß am Fenster meiner Stube, von wo aus ich über die gereiften Gärten schaute, und fühlte mich umschwebt von den schwermutsüßen und doch so verklärenden Melodien des Requiems von Anton Bruckner und sah Mineies Lächeln wieder einmal und hörte ihr fröhliches Zwitschern zwischen blühenden Georginen und buntem Phlox . . .

Sehr, sehr fern geht in unserem Lande die Sonne unter. Die Horizonte liegen in der Unendlichkeit, und wunderbar ist die Musik des schwindenden Abendrots, von der man weiß, daß sie von jenseits zu uns herüberklingt. Mit einem Gruß, Minele, von dir . . .?

Und ob dies alles wahr gewesen ist im äußeren Sinn? Es findet sich im Nacherleben einer Kindheit manches zusammen, was getrennt voneinander war, zum einheitlichen Bild und ist alsdann im innerlichen Wesen dennoch — „halb Mär, halb mehr“ — wahr geworden. Hinter blühendem Phlox ein lachendes Mädchengesicht: Traum und Wirklichkeit in einem — eine Herbstelegie!

 

 

Quellen: Erich Bockemühl                                                     Heimatkalender 1967

Die zweierlei Freude

Die zweierlei Freude                                                                

Da haben sich einmal ein Mann und ein kleiner Junge gefreut. Und wer sich am meisten gefreut hat, das kann ich nicht sagen. Dem Mann aber standen die Tränen in den Augen, als er mir diese Geschichte erzählte. 

Es war kurz vor Weihnachten. Und es war Gemeinderatssitzung. Als sie mit allen Besprechungen fertig waren, sagte einer von den Männern: „Sollen wir nicht für die Armen jetzt vor Weihnachten etwas tun? Es sind so schlechte Zeiten, und manche Kinder haben nicht einmal für die Schule etwas Ordentliches anzuziehen.“ So sagte der Mann, und alle waren damit einverstanden. 

Am andern Tag fuhren der Gemeindevorsteher und sein Nachbar zur Stadt und kamen am Abend mit einem großen Paket zurück, aus dem sie dann nachher in der Wirtschaft vier Pakete machten, und vier Männer nahmen am Abend eines davon mit nach Hause, jeder eins für eine arme Familie, die am nächsten bei ihm wohnte. 

Und bei den vier Männern war denn auch Bauer Hermes, und er hatte wohl das größte Paket, denn nahe bei ihm wohnten arme Leute, die sieben Kinder hatten, und der Vater war erst seit ein paar Tagen aus dem Krankenhaus zurück, wo er operiert worden war. Und sie wohnten in einem kleinen Haus am Wald, ganz einsam lag es da, und wenn im Winter der Schnee auf dem Weg und zwischen den Tannen lag, dann konnte man denken, es wäre Märchenhaus, so lag es zwischen den hohen Bäumen. 

Als Bauer Hermes nach Hause kam, sagte er zu seiner Frau: „Nun werde ich wohl am besten morgen abend dahin gehen, übermorgen ist schon Heiliger Abend, da kommt man schlecht dazu. Und sie können ja die Sachen den Kindern auf den Tisch legen, die werden ja doch nicht viel bekommen, weil da jetzt der Vater gerade wieder aus dem Krankenhaus gekommen ist…“ Und die Frau sagte: „Da kannst du ihnen von uns auch noch was mitnehmen, ich mache dir ein kleines Paketchen fertig, ein paar Äpfel und Nüsse und Spekulatius… und ein paar Kaffeebohnen und Kakao… aber gib es den Alten nur, nicht, daß die Kinder das vorher zu sehen kriegen!“ 

Ja, und so ging denn Bauer Hermes am andern Abend hin. Es schneite, und er dachte so für sich: Nun bin ich der richtige Nikolaus. Es war aber noch nicht so ganz dunkel, die Felder lagen da so weiß, und auf den kleinen Tannen lag der dicke Schnee und auf den Ginstersträuchern auch, und als Bauer Hermes das kleine Haus durch die Bäume sah, und ein Fenster leuchtete von dem rötlichen Lampenlicht, da dachte er: Als wenn der Stall von Bethlehem da liegt. und so stampfte er denn mit seinen Stiefeln weiter durch den dicken Schnee. 

Aber es kam doch etwas anders, als er sich gedacht hatte. Tupp, tupp, so klopfte er an die Tür und ging hinein. Da saß der Vater wieder am Ofen und sagte, als der Bauer Hermes guten Abend gesagt und gefragt hatte, wie es ginge, daß er jetzt viel wohler wäre – bloß so vor Weihnachten wäre doch nicht viel Geld mehr übrig geblieben, mit dem Christkindchen sollte es wohl dieses Jahr nicht viel geben. Aber auch die Kinder waren in der Küche. Eins zog sich gerade das Sonntagskleid an, und Karl war schon fertig, und als Bauer Hermes fragte: „Wo wollt ihr denn hin?“ da sagten sie ihm: „Wir gehen nach Mölder in den Saal, da ist Christfeier. Mutter will auch mit, die ist noch am Anziehen…“ Ja, das hatte Bauer Hermes vergessen, da wollte er auch noch hin, aber er hatte gemeint, es wäre erst am andern Abend, am Heiligen Abend, wie sonst doch auch immer. Und als er noch darüber nachdachte, da kam der kleine Ernst in die Stube und war am Weinen. Und der Vater sagte: „Ja, Junge, ich kann daran nichts ändern.“ Und zu Bauer Hermes sagte er: „Er muß zu Haus bleiben, wir haben keine Schuhe für ihn und auch kein ordentliches Zeug, die Schuhe muß Karl anziehen, der muß ein Gedicht sagen.“ 

Und nun kommt das Schönste von der Geschichte: „Du hast kein Zeug?“ sagte der Bauer Hermes da. „Junge, zieh dich sofort aus! Es ist jetzt fünf Uhr, da ist noch Zeit…“ Und er packte sein Paket aus, und mittlerweile kam auch die Mutter herein, und er sagte: „Nun zieht den Jungen mal an! Erst kommt das Hemd, da ist eins, dann die Unterhose, die ist hier… und was nun? Strümpfe? Da sind sie. jetzt die Schuhe…sind auch da. Passen sie auch?“ Oh, sie paßten gut. „Und nun? Da hast du einen ganzen Anzug, mein Junge… und oben drauf kommt noch eine Kappe. Nun seht den feinen Kerl!… du sollst doch zur Weihnachtsfeier gehen, das wollen wir doch mal sehen…“ Er gab dann den andern auch die Sachen, die er für sie hatte – und er sagte nur, als er es mir erzählte, sie hätten doch alle solche Freude daran gehabt, und – wie der Junge sich gefreut hätte und wie seine Augen geleuchtet hätten und wie er so ein paar Mal aus tiefster Seele ganz stille für sich „ha, haaa“ gesagt hätte, immer nur, „ha,haaa…“ja, es hätten ihnen allen die Tränen in den Augen gestanden. Und er hätte noch sagen müssen, daß es nun bald Zeit würde, sie hätten alle die Weihnachtsfeier beinahe vergessen. Und das wäre ja schon eine Weihnachtsfreude gewesen und für ihn die allerschönste, die er je mitgemacht hätte. 

Und er hat den kleinen Jungen an der Hand genommen und gesagt: „Heute abend gehst du mit mir, du bist heute abend mein Junge.“ Und dabei hat er sich überlegt, daß seine Kinder doch nun alle groß wären und es doch schön wäre, so einen kleinen Jungen auf dem Hof zu haben, und daß er mit den Eltern reden wollte, daß der kleine Ernst zu ihm auf den Hof käme. Und das ist denn auch so geworden. Ernst kam, bis er viezehn Jahre alt war, zu Bauer Hermes und hat es da gut gehabt. 

Ja, und wer sich am meisten gefreut hat? Das kann mann nicht wissen. Der Bauer hat sich gefreut, und die Eltern, und ich, und ihr alle freut euch, wenn ihr das lest… aber vielleicht doch am meisten hat sich der kleine Ernst gefreut, der zuerst soviel geweint hatte, weil er nichts Rechtes zum Anziehen hatte und nicht mit durfte. Und wie schön war es erst, als er mit den Geschwistern und den vielen anderen Kindern in dem großen Saal saß, wo die Kerzen brannten und wo alle zusammen sangen: „O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit….“

 

 

 

Quellen: Erich Bockemühl             

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