Die Lippe

Die Lippe

Quelle:       in Lippspringe im Kurpark 141 m ü.M 15 m ü.M.

Mündung:    Rheinstrom-km 815 bei Wesel

Länge: 230 Km

Mittlere Breite in der Rheinebene: 30 bis 35 Meter

Abflußmenge im Jahresmittel 1965-88 am Pegel Schermbeck 1:46,4 m3/sec. rd.

 Mühlenstandorte um 1850 (einschl. an Nebenbächen): 50

Als „Lupia” war unser Fluß Im Jahre 9 n. Chr. von Vetera (Xanten) aus Marschweg und Nachschublinie für den unglücklichen Zug des römischen Generals Quinctilius Varus gegen den Cheruskerfürsten Arminius. Die römischen Schriftsteller Tacitus und Plinius haben ihn als erste beschrieben. Im frühen Mittelalter änderte sich sein Name in „Lippia”. Er war Vater der Städte Lippspringe, Lippstadt und Lippetal und sogar Namensgeber für ein Duodezfürstentum und – unter Napoleon – für das „Departement Lippe”.

Noch heute schlängelt sich die Lippe auf ihrem weiten Weg von der Quelle in vielen Windungen durch das Lipper Land und durch das westfälische und niederrheinische Tiefland, ehe sie in den Rhein fällt. Aber sie kann kaum „fallen”. Eher war es die besonnene Vermählung einer gereiften Dame – nach einiger Bedenkzeit. Denn bis zum 16. Jh. trafen sich die beiden nicht südlich, sondern ein gutes Stück nördlich von Wesel, ziemlich genau gegenüber dem einstigen römischen Castra Vetera bei Xanten. Auf diese „Nordmündung” – und auf die nicht minder strategisch günstige Lage auf dem Fürstenberg bei Birten – geht die Gründung des großen römischen Militärlagers „VETERA I” zurück. Das Lager ist um 12 v. Chr. entstanden und war Ausgangspunkt für den Feldzug des Varus. Die Gemächlichkeit und „Besonnenheit” der Lippe hatten ihren Grund: Der Höhenunterschied von 126 m zwischen Quelle und Mündung mag, für sich besehen, ja noch eindrucksvoll erscheinen. Aber dazwischen liegen nicht weniger als 230 km, für die unserem Fluß ein nicht gerade üppiger Schwung zur Verfügung steht. Übrigens: Entsprechend lang ist die erste exakte Lippekarte, die der Geometer Joh. Bucker 1707 zeichnete: 22,5 m.

Trotz ihres relativ geringen Gefälles bekam die Lippe nur selten Nachschubprobleme, dank den Stau- und Sammelräumen im kalkreichen Untergrund bei Paderborn. Das machte die Lippe als Energielieferant interessant: Noch um 1920 trieb der Fluß 14 Mühlen an, zwei davon (in Lippspringe) über Turbinen, die anderen mit herkömmlichen Wasserrädern. Zuvor gab es noch mehr Lippemühlen. Viele hatte man schon im 19. Jh. stillgelegt, weil sie die Schiffahrt störten. Dazu gehörten auch die Flußmühlen, die man am Unterlauf der Lippe einrichtete. Von ihnen lag die Mühle vor der Krudenburg in unserem Betrachtungsgebiet. Schiffahrt wiederum hat es auf der Lippe nicht erst seit Varus’ Zeiten gegeben. Der Fund eines 15,6 m langen Einbaums aus der Bronzezeit beweist das; es ist übrigens der längste Einbaum, der je in Europa gefunden wurde. Als 1931 der Wesel-Datteln-Kanal („Lippeseitenkanal”) eröffnet wurde, war es allerdings mit der Lippeschiffahrt vorbei, die Wesel schon zu Zeiten der Hanse zu einem bedeu- tenden Handelsplatz gemacht hatte. Seither hat unser altehrwürdiger Fluß einen Begleiter. Aus der Vogelschau ist es gut zu sehen: Während er selber sich unbekümmert durch die Wiesenlandschaft windet, möchte es scheinen, als habe die moderne Kanalbautechnik ein Lineal daneben gelegt.

Wie die Emscher, so geriet auch die Lippe mit der Industrialisierung in Konflikt. Auch ihr machen Siedlungsabwässer und Bodensenkungen durch den Bergbau das einst so gesunde Leben schwer. Um ihre Lage zu verbessern, wurde 1926 der Lippeverband mit Sitz in Essen und Dortmund gegründet. Von den vielen mühlentreibenden Zuflüssen der Lippe liegen drei am Niederrhein: der Schermbecker und der Gartroper Mühlenbach, sowie der Rehrbach. Sie sind jeweils zwischen 8 und 10 km lang und beziehen ihre Vorflut aus den Wäldern beiderseits der Lippe.

Original der Lippe-Karte von 1707: Staatsarchiv Münster, Kartensammlung Nr. 7621; zur Lippe-Schiffahrt und zum Kanalbau: FRAAZ, Karl-Otto, „Wechselvolle Geschichte – Wasserbau und Schiffahrt am Wesel-Datteln-Kanal”, in: Der Lichtbogen (Chem. Werke Hüls), 1977, S. 126 ff.; RÜHLING, Hans-Bernd, „Der Lippe-Schiffahrt Glanz und Ende”, in: HK Krs. Dinslaken 1959, S. 45 ff.; RUPPERT, Jürgen, „Die Lippe-Aufgaben und Nutzungen”, in: Jb. Krs. Wesel 1993, S. 129 ff.

                           Bild 66 zeigt die Schiffmühle in Krudenburg
                               Hünxe-Krudenburg  (vor 1363 – 1827)

Nr. 66 Schiffmühle Krudenburg, Hünxe. Sie bestand an dieser Stelle schon seit dem 14. Jh. Der Preußische Staat kaufte sie 1827 auf, um sie zu beseitigen und die Schiffahrtsverhältnisse auf der Lippe zu verbessern. – Nachzeichnung einer Flurkarte von 1733.

Das Bild unten zeigt die heutige Situation. Es ist ungefähr von der Stelle aufgenommen worden, wo in der obigen Karte „Weide” steht. Der Mühlenstandort war links in dem aufgeschütteten Gelände auf der anderen Uferseite (jetzt eine Wiese). Dahinter sind einige Gebäude des Ortes Krudenburg zu erkennen. Weit im Hintergrund sieht man die neue Lippebrücke. Außer auf dem Rheinstrom gab es hierzulande allein auf der Lippe Schiffmühlen. Zählt man die spätmittelalterlichen Mühlen bei Wesel nicht mit, waren es insgesamt drei „echte”: in Vogelsand/Haltern, Dorsten und in Krudenburg. Am Mittellauf lagen darüberhinaus neben den vielen ortsfesten „Ufermühlen” noch an die 10 Mühlen auf Pontons. Alle Mühlen oberhalb Vogelsand waren nicht überwindbare Hindernisse für die Lippeschiffahrt. Bei ihnen mußte die Fracht jeweils auf ein jenseits liegendes Schiff umgeladen werden.

Die überlieferte Geschichte der Krudenburger Schiffmühle beginnt mit einem Kaufvertrag vom 26. April 1363, mit dem Graf Johann von Kleve dem Ritter Rutgher van dem Buetsler die Krudenburg verkauft hatte. Dazu gehörte auch die „wathermoelen die geleghen is in der Lippe tusschen Crudenborgh ende Hünxe mit oeren toebehoeren ende tgemale”. Das Gemahl (der Bannbezirk) erstreckte sich auf das ganze Kirchspiel Hünxe, einschließlich einiger außerhalb liegender Höfe.

Eine ungefähre Vorstellung von der wassertechnischen Situation gibt uns eine Flurkarte, die der Ingenieur-Kapitän v. Wrede 1733 gezeichnet hat. Danach lag das doppelrümpfige Mühlenschiff nicht offen im Strom – wie bei den Rheinmühlen üblich – sondern an einer schmalen Öffnung zwischen Sandinseln. Ein seitab liegendes Wehr sorgte für beständigen Durchfluß. Weil auch die Lippekähne durch diesen „Kanal” mußten, hatte ihnen der Müller Platz zu machen – gegen eine Gebühr, versteht sich. Anschließend mußte er sein Mühlenfahrzeug mit seinen Knechten wieder in „Grundstellung” bringen. Vom Platz in der Sandinsellandschaft profitierten auch die Fußgänger. Gegen einen Obulus konnten sie über den Mühlensteg und das Wehr zum Kirchdorf Hünxe gelangen. Das war schneller und wohl auch billiger als die Fähre. Denn eine Brücke gab es erst in neuerer Zeit.

Mit dem Aufkommen der Dampfschiffahrt in der ersten Hälfte des 19. Jh. war die Zeit der Krudenburger Mühle vorbei. Dampfer brauchen freie Fahrt. Der letzte Krudenburger Schiffsmüller Peter Benninghoff trat deshalb 1827 Mühle und Staurecht an den preußischen Fiskus ab, der die Schiffahrtsverhältnisse auf der Lippe verbessern wollte.

Die Krudenburger Schiffmühle bekam übriges 1838 eine Nachfolgerin: die Hünxer Windmühle. Benninghoff hatte sie damals zusammen mit dem Hünxer Oekonom und Gastwirt Johann Heinrich Berger gebaut. Als später die Kinder der beiden heirateten, bekamen sie die Mühle als Mitgift.

Ihre Nachkommen bewohnen die Mühle noch heute.

 

 

 

Quellen:          Mit freundlicher Unterstützung von Herrn Volker Hartmann (Oberhausen)

Aus dem Buch “Niederrheinischer Wassermühlenführer” von Hans Vogt, 2. Auflage von 1999, ISBN 3-00-002906-0

 

HAUPT, Jürgen D., „Schiffe und Mühlen auf der Lippe”, in: HK Krs. Wesel 1982 S. 156 ff.; LACOMBLET, Urkundenbuch (154), Bd. 3 S. 537 Nr. 638 (Vertragsurkunde von 1363); SCHLEIDGEN spricht in seinem Urkundenbuch Kleve-Mark (224) von einer Windmühle -irrtümlich, wie der Originaltext beweist; v. MALLINCKRODT, Kurt, „600 Jahre Krudenburg”, in: HK Krs. Rees 1964 S. 34 ff., 1965 S. 47 ff. u. 1966 S. 107 ff.; siehe auch unter Rheinmühlen (Ziff. 6 Bislich). Die benachbart liegende Dorstener Schiffmühle wurde übrigens noch 1828 auf sechs Jahre zur Verpachtung ausgeschrieben (Reg.Amtsbl. Düsseldorf Nr. 74, S. 372), ehe auch sie verschwinden mußte.