Stern und Tier . . .

Stern und Tier und Blume fallen …                                    

 

Das strahlende Sonnengold spätsommerlich-warmer Tage des schönen Oktobers 1969 ist längst dahin. Der Flurbereiniger und Aufräumer November regiert und läßt den farbenfreudigen Kunstmaler Herbst allmählich resignieren. Angesichts der Vergänglichkeit der freudigen Pracht seiner Farbenpalette erfaßt ihn nun eine stille und wachsende Melancholie. Nachdem klatschende Regengüsse, von Sturm und Wind gepeitscht, wie rohe Bilderstürmer in den reichen Laubwälderschmuck seines großartigen Naturmuseums einfielen, geht Meister Herbst in Ernst und Unabänderlichkeit selbst dazu über, stumpfe, klagende Grautöne dem verblassenden Bilde unserer weiten Niederrheinlandschaft beizumischen. Immer spärlicher werden Tage und Stunden dünnen Lichtes zaghafter Mittagssonne. Noch ergreift wohl da und dort einsame Wanderer das braunrote Geleucht des Blätterteppichbodens zwischen den kahlwerdenden Stämmen der Buchenwälder. Aber dieser schwache Abglanz eines beendeten rauschenden Licht- und Farbenfestes bekümmert mehr als er erheitern könnte. Jedes noch zur Erde sinkende Blatt, das in stummer Zähigkeit bis zuletzt ausharrte, und das gespenstische Helldunkel-Reflexspiel auf Weg und Steg und allen Gewässern unter grau dahinjagen-den Wolken erhöhen nur die allgemeine Trauerstimmung. Wenn ziehende oder lastende Nebelschleier alles und jedes in geheimnisvoll-schweigsame Undurchdringlichkeit und Namenlosig-keit hüllen, wenn die nutzlos gewordenen Blättermassen in freudlosen Straßen so hilflos vor dem Winde daherjagen, ohne Ruh und Rast, wild durcheinandertanzend, mal hierhin, mal dorthin geworfen: Dann erfaßt alle sinnenden Menschen etwas von der Größe und herben Trauer in diesen Sterbegebärden eines abschiednehmenden Jahres. Wieviel empfänglicher, aufnahmebereiter sind wir nun für die Sprache der Dichtung, für Stimmungen und Eingebungen, wie sie der Lyrik deutscher Zunge über den Herbst in so reicher und mannigfaltiger Weise zueigen sind. Bereiten Herzens werden wir wieder heimisch in Dichterworten älterer und neuerer Zeit, die in Einfachheit und Größe, Klarheit und Kraft das gestalten und aussprechen, was uns alle bewegt. Beginnen wir mit Hermann Hesse:

Seltsam im Nebel zu wandern! Wahrlich, keiner ist weise,

Einsam ist jeder Busch und Stein, Der nicht das Dunkel kennt,

Kein Baum sieht den andern, Das unentrinnbar und leise

Jeder ist allein. Von allen ihn trennt.

Voll von Freunden war mir die Welt, Seltsam im Leben zu wandern!

Als noch mein Leben licht war; Leben ist Einsamsein.

Nun, da der Nebel fällt, Kein Mensch kennt den andern,

Ist keiner mehr sichtbar. Jeder ist allein.

Wie meisterhaft sind hier in herber, schöner Sprache vor dem Hintergrund des herbstlichen Naturgeschehens tiefe Erkenntnisse über Leben und Eingebettetsein in den Kreislauf des unabänderlichen Stirb und Werde aufgezeichnet. Leben ist einsamsein” . . . Wer nicht das Dunkel des Älter- und Einsamerwerdens, das herbstliche Abschiednehmen, in seine Lebenserwartungen in rechter Weise mit einzupassen vermag, wird wohl auch nicht in den vollen Genuß berauschender Frühlingsseligkeit des Lebensanstiegs und des Reichtums sommerlicher Lebenshöhe gelangen. Kein Mensch kennt den andern, jeder ist allein” . . . Welch seltsame Verquickung ermöglicht dieses Dichterwort, das im Urgrund die gottgewollte Individualität und schicksalhafte menschliche Vereinsamung im Sinne hat, mit Gegebenheiten zeitgenössischer Erscheinungen und Entwicklungen: Wie sehr ist unser auf rein äußerlichen Genuß und Zerstreuung bedachtes, an der Masse und ihren Gewohnheiten ausgerichtetes Leben von innerlicher Verarmung und Vereinsamung bedroht. Wer nur in einem massebetonten Dasein auf der Suche nach materiell-äußerlichen Lebensbereichen sein Heil sucht, wird allein gelassen und auf sich allein gestellt bald sehnsüchtig nach inneren Kräften Ausschau halten, die in seiner Persönlichkeit verkümmert schlummern und nur in der Bindung an höhere, ideale Ziele und Werte mobil gemacht werden können.

Keiner von uns ist Robinson, niemand vermag auf die Dauer mit vernünftiger Existenzaussicht ein Robinsondasein zu führen. Als Einzelwesen sind wir auf Gemeinschaft und Gesellschaft angelegt. Natürliche Gruppierungen, von der kleinsten bis zur größten, Familie, Volk, Menschheit, begründen, umhegen, kultivieren unser Sosein: die zweckgerichtet-künstlich entstandenen Zusammenschlüsse des beruflichen und politischen Existenz- und Freizeitlebens von der Werkstatt bis zum Staat, vom Verein bis zur Partei garantieren unser zivilisatorisches Dasein. Bei allen in der Sache notwendigen Auseinandersetzungen, die es bei der Bewältigung und Gestaltung von Alltagsaufgaben in diesem weiten Bereich immer gibt und geben wird, sollte alles Trennende zugunsten des Gemeinsamen überwunden werden. Vom Gedanken sozialer Verantwortung des einen für den andern darf es wie im christlichen Sinne keine Verlorenheit des einzelnen mehr geben. Mitmenschliches Füreinanderstehen müßte die Menschen unserer Zeit davor bewahren, der Verlorenheit des Dichterwortes, Leben ist Einsamsein, anheimzufallen; soweit jedenfalls, wie sein Sinn menschlich-soziale Beziehungen und nicht unsere Individualität in der Bindung an Überirdisches bedeutet.

Doch dem Herbst als der zunächst stillen, dann stürmischen Feier des Altjahrabschiedes das Wort zu reden, ist nicht allein Sinn dieser Ausführungen. Rilke sagt in einem seiner Herbstgedichte:

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt. Und doch ist einer, welcher dieses Fallen

Und sieh dir andre an: es ist in allen. unendlich sanft in seinen Händen hält.

Hier schließt sich schon an die Sanftheit allen Vergehens und Ausgelöschtwerdens die erste, zaghafte Hoffnung an: Die winterbereite Feierruhe der Natur, die sich schon bald zum Schlafe mit dicken, weißen und weichen Tüchern überziehen wird, ist wie in geheimen Träumen angefüllt von vielseitigen und emsigen Vorbereitungen für ein sieghaftes, brausendes Erwachen im neuen Frühling. Aufmerksamen Beobachtern entgehen nicht die bereits neu gebildeten und sorgsam verpackten Knospen an Bäumen und Sträuchern, und sie wissen im Walde um die stille Vorbereitungsarbeit im dunklen, geschützten Schöße seines blättergedeckten Bodens:

Bald streut das Jahr mit silberweißer Schwinge den ersten Reif. Und bis zum nächsten März nimmt Gott die Blumen und die Schmetterlinge, die Gräser und die vielen zarten Dinge mit sanften Händen an sein warmes Herz.

                                                                                                                         ( Martin Damß)

Dies alles vollzieht sich wie im Verborgenen, ist stilles, ruhiges Regen und Werden auf lange Sicht. Vorerst aber kommen mit Spätherbst und Winter in langen Stunden, Tagen, Wochen und Monaten die Stimmen der Stille, Mahner und Rufer, zu uns. Stimmen, die wie ein leise klingendes, immer wiederkehrendes Pausezeichen Natur und Mensch zur Einkehr ins Wurzelhafte alles Seins, zum Kräfteneugewinn durch ein gesammeltes Atemholen aufrufen. Und wirklich scheinen dann bald in Eisesruhe und Winterstarre Kräfte und Mächte im Fluß des sonst so drängenden und pulsierenden Lebens den Atem anzuhalten:

Schönheit dieser Welt vergehet Wie die Welle, die erst kommt

Wie ein Wind, der niemals stehet, Und den Weg bald weiter nimmt.

Wie die Blume, so kaum blüht Was für Urteil soll ich fällen?

Und auch schon zur Erden sieht, Welt ist Wind, ist Blum’ und Wellen.

                                                                                                                     (Martin Opitz)

Oder hören wir Rainer Maria Rilke in der letzten Strophe seines bekannten Gedichtes Herbsttag”: Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.

Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben und wird in den Alleen hin und her unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Viel Trauer und Wehmut ist in diesen beiden Gedichten. Die Hinfälligkeit aller Kreatur endet in der Geborgenheit des Urgrundes, der oben genannten sanften” Schöpferhand. Der Untergang alles Endlichen ist wiederum nur eine Station des Unendlichen” im bleibenden Kreislauf aller Dinge, Räume und Zeiten, im urewigen Stirb und Werde. Untergang des Gewordenen ist somit Heimgang und Neuanfang zugleich. Diese Gedanken finden wir auch in einem Herbstgedicht Erich Bockemühls:

Nun ist kein Beten mehr im Land:

Herr, laß es so und so geschehen! Denn alles Sorgen ist entspannt, Wenn auch die Herden heimwärts gehen.

Zuletzt geht alles ja nach Haus, Weht noch ein Lied, weht noch ein Duft, Und alles muß sich selber finden. Und selbst ein leises Weinen Die Stille horcht ins Land hinaus, Muß in der grauen Dämmerluft Und mit den kühlen Abendwinden Sich aller Liebe einen.

Und im Nachsinnen über das zeitlos wunderbare Geschehen der Christgeburt mit dem Siege allumfassender göttlicher Liebe über Vergänglichkeit und Tod erahnen wir mit Bockemühlschen Worten aus seinem Gedicht Weihnacht” erste Anzeichen des wiedererwachenden Lichtes:

In den tiefsten Dunkelheiten daß die Nächte heilig werden ist seit je es vorbedacht, und der Chor der Sterne rauscht daß der über alle Zeiten dem, der friedesam auf Erden hehre Engelsang erwacht, in den hohen Himmel lauscht.

Und so geschieht es dann, daß die Welt eines Tages wiederum aus schweren Winterträumen erwacht. Mit Rudolf Alexander Schröder klingt es schon im Februar oder März zukunftsgewiß:

Braucht nur ein Tauwind sich zu heben. Verzagt Gemüt, Blick in die Welt und lerne leben: der Winter blüht.

Schneeglöckchen, Seidelbast, Weidenkätzchen und viele neugierige grüne Knospenschuhe sind die ersten drängenden, vor keinem Eiseshauch zurückschreckenden Boten ihres jungen strahlenden Helden, des neuen Frühlings. Wie freudig empfangen Natur und Kreatur die ersten Lichtsignale  dieser Frohbotschaft:

Wohl zögert noch das alte Herz O schüttle ab den schweren Traum und atmet noch nicht frei, und die lange Winterruh, es bangt und sorgt: Es ist erst März, es wagt der alte Apfelbaum, und März ist noch nicht Mai.” Herze, wag’s auch du!

„Wagnis des Herzens!” Das ist auch das innerste Anliegen dieses in der Reihe vieler Vorgänger und Nachfolger erscheinenden Kalenders für das Jahr 1970. Wiederum ist sein Bemühen darauf gerichtet, interessierten Lesern bei aller Beschränkung auf Wesentliches umfassend Bericht über das vielgestaltige Leben in unserer Heimat zu erstatten. Die Themen, Kräfte und Mächte, die Ereignisse und Erlebnisse, um die es bei aller Gestaltung des großen Wagnisses Leben” geht, entstammen Bereichen wie Natur, Kultur und Landschaft, Mensch und Arbeit, Geschichte und Gegenwart. Fülle und Vielfalt des hier im Kalender Gebotenen wollen zu Ihnen kommen als ein bescheidener Teil des so notwendigen Dienstes besinnlicher Zwiesprache von Mensch zu Mensch. Dazu verhelfe uns zum Abschluß noch einmal das Bewußtsein des Eingewobenseins in den Kreislauf der natürlichen und kreatürlichen Gegebenheiten, die auf den eben bejubelten Frühling erneut sommerliche Reife, Erntesegen und Herbstesabschied folgen lassen werden. So runden Ringe sich und Rad, so schließt der Kreis des Seins, in dem wir uns dennoch mit all der beglückenden Festlichkeit Hölderlinscher Frühlingsverse heimisch und geborgen fühlen wollen:

Noch kehrt in mich der süße Frühling wieder, noch altert nicht mein kindisch fröhlich Herz, noch rinnt vom Auge mir der Tau der Liebe nieder, noch lebt in mir der Hoffnung Lust und Schmerz.

Noch tröstet mich mit süßer Augenweide der blaue Himmel und die grüne Flur, mir reicht die Göttliche den Taumelkelch der Freude, die jugendliche, freundliche Natur.

Getrost! Es ist der Schmerzen wert dies Leben, so lang uns Armen Gottes Sonne scheint, und Bilder bess’rer Zeit um unsre Seele schweben, und ach! Mit uns ein freundlich Auge weint.

 

 

 

Quellen: A. W. Scholten, Heimatkalender 1970