Das grüne Tal

Das grüne Tal

Das grüne Tal                                                              
              Von gestern, ehegestern, von heute und auch immerdar

Es weht ein feuchter grüner Wind durch das Tal in Frühlingszeiten und im Herbst und auch in den frühen Stunden der Sommertage, und von den Hügeln beiderseits flutet das Grün in Wellen hernieder bis zum Fluß, wo es dicht am Ufer brandet, sich aufbäumt in den Gebüschen der Weiden, Pappeln und Erlen und dann, zurückflutend, sich in der Stille der kleinen Bucht aller Unruhe begibt. Im grellen Sonnenlicht sind die Spitzen der Weidensträucher hell aufleuchtend wie weißlich-grüner Schaum der Weidenkämme. Da aber, wo die Pflanze Wasserliesch, die doldige Schwanenblume, wie man sie nennt, ihre roten Blüten über die schlanken schwertlilienartigen Blätter hinaufhebt, wo der Wasserdost mit seinem süß duftenden Nektar den bunten Schmetterlingen ein Sommerfest bereitet, wo ehemals eine starke Strömung das kleine Gesträuch hinweggerissen hat, mag man hinter die Büsche gelangen, und das grasige Ufer unmittelbar am Fluß ist nicht so steil, daß es einen nicht zum Sitzen einladen könnte, zu einer Ruhestunde vor der kleinen stillen Bucht, die im kaum bemerkbar stillen Kreisen des Wassers selber wie ein Bild der Ruhe ist.

Im Gegensatz zum überglühten Heidestrand des Sommertages ist hier die kühle Stille. Bewegungslos und still Hegt das Floß der Angel auf dem klaren Wasser, und der Fischer, dem nichts anderes zu beobachten gegeben war als das kleine Ding aus Kork mit seinen roten Spitzen, zog dennoch die Angel ein und hing sie in die Zweige. Er wollte nichts als nur die klare Stille sehen und darüber hinaus das leise, sanfte Wellenfließen.

Zwei windzerzauste Pappelbäume stehen ihm gegenüber. In der Beschaulichkeit der Stunde gehen die Gedanken mit den Bildern ihren eigenen Weg. Er kennt alle Menschen dieses Tales und lächelt, indes er vor dem blauen Himmel diese beiden Pappeln sieht. Trotz aller Zerzaustheit und Verwitterung bricht immer wieder doch das Leben durch. Wer ist schuld daran, daß die eine mit gebrochenem Stamm wie eine alte Hexe mit gebeugtem Rücken nur noch am Stock zu gehen vermag, während die andere wenigstens noch das Haupt aufrecht zum Himmel trägt? Sie selber haben sich nicht hierhergepflanzt und den Stürmen preisgegeben, und wahrlich: fadenscheinig genug ist ihr Gewand.

Der eine und die andere“, so hat er bereits still für sich dahingesagt. Es formt sich ihm im träumerischen Sinn wie eine Geschichte von den beiden, denen die Gemeinde allzuletzt das Armutshaus zur „Unterkunft gegeben hat. Ihr ist das Kreuz gebrochen, und er halt länger aus. Warum spricht man so leicht von Schuld und sucht nach ihr? Warum tut man das bei den Menschen immer wieder, während man doch bei den Bäumen nicht nach Schuld und Schicksal fragt? Es ist ein Unterschied und es ist anders wieder doch kein Unterschied. Die Pappeln stehen vor dem Himmel, und der Himmel ist sehr, sehr hoch in diesem Tal. Und wenn man die Pappeln vor diesem Himmel sieht, der rechts und links über die Hügel hin das weite Land umgreift, unter dessen Beständigkeit die Wellen verfließen, Stunde um Stunde, Jahrhunderte um Jahrhunderte, Jahrtausende um Jahrtausende, eine unendliche Zeit dahin, dann sieht man auch die Menschen vor diesem Himmel, unter seiner Beständigkeit und im Verfließen der Zeit, Jahrtausend um Jahrtausend, und dann vermag man es nicht mehr, leichthin von Schuld zu sprechen. Ich habe in alten Papieren gelesen, die in jenem Turm, der von einer längst entschwundenen Burg übriggeblieben ist, bewahrt geblieben sind von der Geschichte dieses Tales, so kann man wohl sagen von vielen Dingen sehr vergangener Zeit. Man erinnert sich der Vergangenheit um so leichter, je traumhafter, je weiter einem in beschaulicher Stille die Stunde wird. Und wenn auch die Fähre nicht mehr wie einst die Menschen und die Wagen und das Vieh hinüberträgt und die kleine Glocke nicht mehr läutet, so ist das alles aus jahrzehntelanger Gewohnheit dennoch gegenwärtig. Wo das Tal sich weitet und die Uferhügel dem großen Strom entgegen schwinden, da wird das Land flach und eben, und man kann nicht ohne Berechtigung sagen, daß sich das Tal wirklich wie ohne Ende breitet: Tal in Tal, bis fern zum Meere hin.

Jenes Dorf mit dem alten Turm aber ist das einzige weithin, das am Ufer dieses Flusses Hegt, Es ist ein kleines Dorf und hatte doch einst einen eigenen Hafen, in dem im Winter die Schiffe lagen, die im Frühling, Sommer und Herbst Steine und Salz aus den fernen Bergen holten. Heute fahren keine Schiffe mehr, aber wenn auch die Söhne der Schiffer von einst an der Eisenbahn oder in Fabriken und Bergwerken arbeiten oder einige wenige nur Bauern sind, so ist ihr Sinn doch immer noch in die Weite gerichtet, mehr und ganz anders als bei den ihnen benachbarten Menschen, die seit je in der Heide Buchweizen, Hafer, Gerste, Flachs und Kartoffeln bauten. Dieses Dorf hat eine sich gerade hinziehende und gepflasterte Straße und schmale Gassen zwischen den Häusern und hatte ehedem eine schwimmende Mühle und eine starke Burg. Von dem Brand vor hundert Jahren war ein einziges Haus übriggeblieben, und das war so, wie die sind, die Ludwig Richter zeichnete oder malte und von denen Matthias Claudius seine Bauernlieder sang. Ach, von dem zu erzählen, was man im alten Turm in alten Schriften lesen kann! Daß ein Pfarrer Kriegsrat wurde es ist schon lange her, um einer Heirat willen, die sonst ein Schandfleck in einer adeligen Familie geworden wäre, daß vor mehr als 200 Jahren ein anderer Pfarrer, der ein Säckchen Korn wollte mahlen lassen, im Mühlengraben ertrank, daß er sein Unglück genau so, wie es sich begeben hat, in der Nacht vorher träumte und unter dem beängstigenden Gefühl seiner Frau erzählte, daß man in der Stadt einen Prozeß führen mußte um eine Torfgerechtsame, der regelrecht zu einem Krieg im Kleinen führte und hernach die nahe Stadt am Strom viel Geld gekostet hat, weil der Besitzer des Schlößchens und des Venns und der vielen ehemaligen Moorstellen den Prozeß gewann.

Was man nicht alles aufzuzeichnen als notwendig erachtete, wenn es sich um Besitz und Geld, um Acker, Wald und Weiden handelte. Heute kennt man schon die Namen nicht mehr, die Geschlechter sind vergangen, und die Äcker, Weiden und der Wald sind unter andere verteilt. Menschen schwinden, aber die Erde bleibt. Wenn eine Eisenbahn gebaut ist, so hat es keinen Sinn mehr, mit breiten Kähnen in die Berge zu fahren. Die Alten haben von jenen Fahrten erzählt, und die Jungen haben es weitererzählt . . . und für die Kinder von heute ist die alte Zeit längst eine Sage geworden. Der alte von Aaken ob er wohl wirklich gelebt hat, der mit seinen Wasserstiefeln in die Fluten stieg und den großen schweren Kahn von der Sandbank hoch und in die Strömung hob, daß er wieder Fahrwasser bekam, und der die Räuber am Ufer mit Bruchsteinen bombardierte, ist ein sagenhafter Held. Urgroßmutter hat ihn noch gekannt. Er war der stärkste Mann in aller Zeit.“ Die Söhne der einstigen Schiffer haben alle Arbeit und ein Weib gefunden, und ihre Enkel und Urenkel wohnen in den kleinen Häusern, deren Giebel einheitlich schön zur Straße stehen. Der eine steht, der andere fällt. Wenn der eine die Kraft oder den Mut nicht hat, fällt sein Besitz eines Tages dem anderen zu, und in immer hundert oder noch weniger Jahren ist es immer wieder anders. Auch in den alten Papieren geht es meist um Hunger und Liebe, und wie es damals war, wird es noch in aller Zukunft bleiben. Wenn man das Leben vor dem weiten Himmel sieht, und die Wellen murmeln immer ihr gleiches Lied, dann ist kaum einer weniger als der andere.

Es geht eine Straße durch das grüne Tal, an deren Seite Heidebirken stehen und über die einst die Römer zogen von castra vetera her, jenseits des Rheines, nahe der Stadt, die man Troja nannte und die heule Xanten heißt. Ob es wahr ist, was man sagt, daß das Wort Troja eine Beziehung haben soll zu Hagen Tronje, daß das grüne Tal eine Donau, eine Niederungsau gewesen sei und daß das alte sagenhafte Leben um Sigurd-Siegfried, der durch Gnilaheide ritt zu jenem waberlohumwallten Isenstein, auf dem er Sigridita Brunhild aus dem Schlaf erweckte, in diesem Land, in dieser Heimat geschah? Jene hohen Bäume drüben, im Kreise aufgestellt um einen Hügel, rauschen, so erzählt man, um ein altes Hünengrab. Daß man jenseits an den sandigen Kieshügeln viele Gräber fand mit Waffen ferner Zeit und Urnen auch, zweifelt keiner an, denn die Bauern haben dabeigestanden, als die Herren aus der Stadt mit einer für die Bauern seltsamen Freude jene, wie sie meinten, bedeutsamen Schätzen aus dem Schlaf der Zeiten hoben.

Die deutschen Könige seien durch dieses Tal gezogen, jener gewaltige Kaiser Karl mit seinen Heerhaufen, König Heinrich mit klirrenden Reiterzügen -und Barbarossa gar. Warum nicht auch? Daß die Spanier ihr Wesen auch hier getrieben haben warum nicht gar? Der Halbmond an der Wetterfahne auf dem kleinen Schlößchen am Rand des Heidewaldes zum Fluß hinab soll noch viel weiter zurückweisen. Und die Franzosen haben vor fast 200 Jahren das Pfarrhaus zerstört und verbrannt. Schwere Zeiten! Die alte Pastorsche“ hat sechs Stüber aus der Armenkasse erhalten. So stehts im Kirchenbuch. Schwere Zeiten! Schwere Zeiten oft und wieder! Dem Dorfe gegenüber neben der Fährglocke war ein Grab, über dem im Sommer schon Gras gewachsen war, über dem der Herbstwind seine Klage sang, das Grab der mehr als sechzig Toten, deren Namen vielleicht niemand weiß.

Der Bauer tut seine Arbeit jahraus, jahrein, er hat sein Tagewerk zu erfüllen, so wie es ihm die Jahreszeit gebietet. Als man den Kanal gleichlaufend mit dem Flusse grub, Heß er sich erzählen, daß man Knochen von Tieren fernster Zeiten gefunden habe aber er hatte nicht Zeit. Sein Pferd in der Karre wartete auf der Straße, und er dachte wohl, wie alt die Heimat ist! Sein Hof ist alt.sein Geschlecht ist alt, und wenn man ihm sagt, daß es seine Vorfahren waren, die schon vor zweitausend Jahren, als Armin lebte, für die Heimat stritten, dann nickt er nur und denkt: wie die Zeiten hingehen, wie gute und schlechte Ernten, gute und schlechte Jahre miteinander wechseln,  wie die Menschen  selber hingehen und sterben, manche früh, manche spat im hohen Alter, und wie der Hof immer noch dasteht wie einst. Heimat, Vaterland  man denkt darüber wenig nach. Sie mögen Frieden halten in aller Welt. Die Völker selber wollen keinen Krieg. Aber wer vermag über das Schicksal zu gebieten? Man tut seine ArbeÜ, und dann ist Feierabend. Die Glocken läuten wie je und ehedem über das Dorf, den Friedhof hin und über die Wälder und Felder der Landschaft, Über die Heimat“, wie man sagt. Wenn man am Sonntag allein im Hoftor steht, dann spürt man Heimat, und im Herbst nach der Ernte oder winters in der weit und weiß gedehnten Einsamkeit. Und ohne Ende ist der Himmel dieser Landschaft.

Murmelnde Wellen des Flusses. Eine Kuh taucht den Kopf in das Weidengebüsch, um sich der Fliegen zu erwehren, und, sich wendend, sieht man in die unbewußten großen Tieraugen. Wer traumverloren am Gestade sitzt und nichts will und vor hat und sich den Stimmen der Wellen und des leisen Windes überläßt, der mag selber unbewußt in die Stunde schauen, in jenem Zustand, da er der Natur ganz anheimgegeben ist. Das ist dann die Stunde der Stille, der großen Ruhe — und in ihr weitet sich die Welt, das Leben, und die Gedanken gehen ihre eigene Bahn. Der Mensch kann nicht  ohne sie  sein.   Unablässig fließen sie wie die Wellen dahin  zwischen den grünen Ufern hin rauscht der Fluß zum Strom, rauscht und braust der Strom zum Meer, und über dem Meer steigen die Wolken auf, die nun der Wind hinüber weht, über die Hügel hin bis ins Endlose. Ein Reiher schwebt mit breitem Flügelschlag empor und schwindet in der blauen Ferne . .  .

Kennt ihr die goldene Harmonie des Sternenhimmels? Ich weiß, du kennst die stillen Wege immer noch  zwischen alten Pappeln ging der schmale Pfad, und im kleinen Bächlein klangen Mondlichtperlen, und Mondlicht rauschte silbern in dem Blätterwispern, und dein Kleid war mondlichtsilberrauschend. Wir saßen an des Flusses Ufer, da der ganze weite Himmel uns in den Wellen widerklang. Die kühle Nacht in unser Herz, die Sternmusik in unsern Sinn atmen. Wir wohnten einst in diesem Tal, das uns nach grauen Tagen an einem Morgen in Schaumkraut und in Taglichtnelken gleich den ganzen Frühling blühte. Und wir sahen nach vielen Jahren das grüne Tal im bronzenen Herbstlicht, und ich sehe dieses Tal nach viel Erleben, Trauer, Freuden, Kampf und Frieden wieder als Tal der Erde, Tal der Welt und Teil der großen ewigen All-Unendlichkeit.

Leiser Rauch kräuselt sich über den Schornsteinen des Dorfes. Die Wetterfahne auf dem alten Turm bewegt sich leise im Wind, die Fährglocke tönt  auch das Abendrot tönt in der Musik der fernen Welt. Ein Reiher, aus dem azurnen Traum der unbegrenzten Fernen heimgekehrt, schwebt wieder zu bekannten Ufern und alten Bäumen, und auch der Angler erhebt sich, seine Schnur um die lange Bambusstange windend er hat nichts gefangen und bringt vielleicht im Nichts den größeren Reichtum heim, die Stille, den Ausgleich. In solcher Abendstunde webt die Seele Ewigkeit, und aufersteht alsdann der andere Mensch, der eigentliche, und so mag sich jeder selber wiederfinden in diesem Frieden der Natur wie im Herzen Gottes.

           

 

Quellen: Erich Bockemühl, Heimatkalender

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