Vom uralten Lippefluss . . .

Vom uralten Lippefluß bis zum Kanal Datteln-Wesel

 

Spricht man über die Lippe im engen Zusammenhang mit dem Niederrhein, muß man vor allem jene alte, trutzige Stadt erwähnen, die schon zu Karls des Großen Zeiten als kleiner Ort im Mündungsgebiet der Lippe lag und Lippeheim oder Lippemund geheißen haben soll.

Ich meine Wesel, das wahrscheinlich zur Zeit Heinrichs des Voglers seinen endgültigen Namen erhielt. Allerdings hatte noch vor dreihundert Jahren die Lippe bei Wesel zwei Mündungen in den Rhein, die erste bei der früheren Weseler Vorstadt Averdorp, die zweite bei der Ortschaft Fluren. Kurz hinter der Mündung in den Rhein bei Averdorp verließ sie nämlich in zwei Armen, die sich in der Gegend des geschleiften Rheintors wieder vereinigten, den Rheinstrom. Nach dieser Vereinigung floß sie an dem ebenfalls verschwundenen Fischertor vorbei und trat dann zum zweitenmal bei Fluren in den Rhein. Große Veränderungen im Laufe des Rheins und der Lippe hoben in den nachfolgenden Jahrhunderten die alten Mündungen auf und verlegten den Einfluß nicht weit von der jetzt zerstörten Zitadelle.

Die Lippe hat der Stadt Wesel, die sie mit Recht für ihren Verkehr und Aufschwung benutzen wollte, immer viel Sorgen gemacht. Der früher ziemlich bedeutende Verkehr ging durch Versandung am Mündungsgebiet sehr zurück. Durch den im Jahre 1784 mit Rücksicht auf die starken Befestigungen gegrabenen”Büdericher Kanal” wurden die Werft- Verhältnisse der Stadt sogar ernstlich geschädigt. Der Lippesand konnte nicht mehr vom Rhein fortgeführt werden, seine Ablagerungen wurden der Schiffahrt zum Verhängnis. Die in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gelegte Kanalisation brachte etwas Abhilfe. Erst der vor einunddreißig Jahren zur Vollendung gelangte, mit mächtigen Schleusen ausgestattete Lippeseitenkanal, der an die Büdericher Insel grenzt, sich durch Teile der Kreise Rees, Dinslaken und Recklinghausen bis nach Datteln erstreckt, ein Meisterwerk deutscher Ingenieurkunst, hat die Erwartungen der Stadt Wesel auf einen guten Hafen endlich erfüllt.

Ich glaube nun, Wesel, der Mündungsstadt der Lippe, genügend Aufmerksamkeit ge= schenkt zu haben, und wende mich der Geschichte des Schiffahrtsweges des uralten deutschen Lippeflusses zu, aus der hervorgeht, welch großen Anteil der Niederrhein und seine Bevölkerung stets an seiner Schiffbarmachung nahmen. In einer Zeit, da der größte Teil Deutschlands noch mit unwegsamen Urwäldern und Sümpfen bedeckt war, mußte die Lippe, vermöge der Richtung und Gestrecktheit ihres Laufes, schon früh als Vermittlerin des großen Verkehrs zwischen dem Innern Deutschlands und dem Niederrhein eine große Rolle spielen. Treidelpfade an ihrem Ufer, günstige Wasserfülle bis zum Oberlauf gestatteten die müheloseste Benutzung dieser von der Natur geschaffenen Doppelstraße. Römerzeiten lassen außer der Festung Ulpia (Alpen) das „castra vetera” am Niederrhein stark hervortreten. Beweis dafür, welche Bedeutung der Römer der Lippemündung als Einfallstor nach Norddeutschland zumaß. Diese Rheinfestungen waren immer mit starken Besatzungen belegt. Auch an dem Oberlauf der Lippe, im Paderbornschen beim Einfluß der Alme in den Strom, errichtete der römische Feldherr Drusus eine Burg mit Namen Aliso.

Am Niederrhein standen immer größere römische Truppenmassen gegen aufrührerische Sigamberer, Brukterer, Marsen und Cherusker schlagbereit. So lagerte bei einer Expedition durch das Lippebett Germanicus, der Sohn des Drusus, mit 12 000 römischen Soldaten, Reitern und Hilfsvölkern bei dem sagenhaften blauen Wald (silva caesia) in der Nähe von Birten. Es ist der jetzige Weseler Wald, ein Urwald, der wegen des geheimnisvollen Schattens seiner mächtigen und vielen Bäume der blaue Wald genannt wurde. Er erstreckte sich in alten Zeiten längs dem rechten Ufer der Lippe von Coesfeld bis Wesel hin, und war ein Teil des berühmten Hercinischen Waldes, der sich damals durch ganz Deutschland zog. Manches große Proviantschiff mag in diesen römischen Eroberungszeiten vom Niederrhein Lippe aufwärts gefahren sein, denn im noch wenig ausgebauten Germanien mußten die römischen Soldaten ständig Zufuhr haben.

Unter den ältesten mittelalterlichen Nachrichten über die Schiffahrt auf der Lippe befindet sich ein Entwurf zu einer Kanalisation. Nicht Mangel an Fahrwasser war die Ursache hierzu. Die vielen Lippemühlen, besonders am mittleren und oberen Teil, machten ein Umfahren notwendig.

Diese erste Anregung zur Schiffbarmachung der Lippe wurde im Jahre i486 von dem Herzog Johann von Kleve-Mark gegeben. Er teilte zu dieser Zeit dem Drosten Knipping zu Hamm mit, daß die Stadt Soest vorschlage, ein Lippestrombett zu bauen, dessen Wasser an zwölf Lasten tragen könnte.

Der Weg sollte von Soest bis Hamm in die Lippe und von Hamm auf der Lippe bis Wesel führen. Mit den münsterischen und kölnischen Mühlenbesitzern an der Lippe möge man dieserhalb verhandeln. Sobald der Kurfürst von Köln vom Wormser Landtag zurück sei, wäre es ihm angenehm, wenn hierüber zwischen Kurköln, dem Stift Münster und Kleve-Mark in einer Zusammenkunft verhandelt würde.

Der tatkräftige und umsichtige Herzog Johann von Kleve hatte schon längst erkannt, daß die Lippe als direkter Handelsweg seinen Untertanen besten Austausch mit den in Betracht kommenden Landesteilen von Köln und Münster vermitteln könne. Unter anderem hatte er die Hebung des Salzhandels im Auge (Salz wurde in der Mark bei Unna gewonnen), und die Förderung der Industrie durch schnelle und leichte Beschaffung der sauerländischen Eisenerze, deren Stapelplatz Soest war. Schließlich ging es ihm bei dem Plan darum, den reichen Erzeugnissen der Soester Gewerbe und Landwirtschaft die Ausfuhr zu erleichtern.

Leider kam die großzügige Anregung des Herzogs nicht zur Ausführung, sie muß wohl nicht das nötige Entgegenkommen bei Köln und Münster gefunden haben. Unbegreiflich, denn besonders Kur-Köln hätte schon damals in Bezug auf seine Werler Salinen und sauerländischen Erzeugnisse größtes Interesse haben müssen.

Diese Werler Salzausfuhr war es auch, die nach langer Zeit, 1628, den Kölner Kurfürsten, Ferdinand von Bayern, veranlaßte, selbst die Kanalisation der Lippe in die Hand zu nehmen. Er trug die Angelegenheit dem Landtag vor, die in einem Schreiben Consulatio und Vorschläge über die Navigation des Werlischen Salbachs bis in die Aese, forthin in die Lippe und dann weiter bis in den Rhein” festgelegt wurde. Zu dieser Zeit war der Kurfürst von Köln gleichzeitig Fürstbischof von Münster und Kleve-Mark. Er hatte nichts gegen einen Schiffbarmachungsplan der Lippe. Die furchtbare Zeit des 30jährigen Krieges war diesmal  ausschlaggebend und verhinderte das Projekt.

Kur-Köln war es 1628 ernst mit der Arbeit gewesen, aber erst 1666 konnte es mit demselben Ansinnen an Brandenburg, den neuen Besitzer von Kleve-Mark und Münster, herantreten. Auf der Ende März 1667 zu Hamm an der Lippe hierüber abgehaltenen Konferenz stellte man verschiedene Punkte in Erwägung: So die Berechnung der Kosten für die Schleusen, die gleichmäßige Verteilung der Ausgaben und Einnahmen, den gleichzeitigen Beginn der Arbeit der drei Mächte und schließlich die Besichtigung der Lippe durch Abgeordnete von Lippstadt bis Dorsten. Letzten Punkt griffen die münsterischen Vertreter gleich auf. Als es aber zur Wahl der Sachverständigen kommen sollte, suchten sie die Angelegenheit zu verschleppen, denn sie waren mit der Zeit Gegner der Schiffbarmachung der Lippe geworden, und auch der damalige Fürstbischof Bernhard von Gahlen schrieb, daß die Arbeit dem Stifte schädlich sei. Die Kur-Kölnischen und Märkischen hätten den größten Vorteil dabei und müßten auch die größten Kosten zahlen. Die angesetzten Zölle dagegen sollten mit Münster geteilt werden. Münster wollte also keine Kosten, wohl aber Gewinn an dem Werk haben. Durch Privatabsichten münsterischer Einwohner wurde auch diese Anregung nicht in die Tat umgesetzt.

Fast vierzig Jahre vergingen, ohne daß das Lippeprojekt Fortschritte machte. Die kriegerische Zeit des Sonnenkönigs am Niederrhein taugte nicht dazu, ein großes, friedliches Werk zu vollenden.

Erst 1707 kam eine Anfrage von der Klevisch-Preußischen Regierung an das Kölner Domkapitel, ob es bereit sei, die unpassierbaren Stellen an der Lippe mit in Angriff zu nehmen. Es kam zu keinem Entschluß. Darauf schickte Preußen 1710 den klevischen Geheimrat Luben nach Köln, der von der Kur-Kölnischen Regierung, die eine Kanalisation sehr lobte, allerlei Unterstützungen, man spricht von 8000  Rheinthalern, in Aussicht gestellt bekam. Köln hatte nämlich schon seit früheren Jahren die Absicht, die Stadt Hamm zu einem Salzstapelplatz zu machen. Doch Münster, unter der Regierung von Bischof Arnold von Metternich, lehnte auch dieses Mal den gutgemeinten Vorschlag ab. Kriegerische Ereignisse lenkten bis 1744 die Gedanken von der Lippekanalisation ab. Von dieser Zeit bis 1754 tauchten verschiedentlich ernste Pläne auf, die wiederum vergeblich waren.

Erst 1764 begann die erfolgreiche Zusammenarbeit, die 1771 Einigung über die Verteilung der Kosten, den Leinpfad und das Zollwesen zwischen den Uferstaaten festlegte. Und es wäre ein Anfang gemacht worden, wenn nicht die gebliebene gegenseitige Eifersucht den Entschluß zur Tat unausführbar gemacht hätte.

Endlich bei Beherrschung des ganzen Lippegebietes durch Preußen, 1820-1830, wurden zur Umgehung der  flußversperrenden Mühlenstauwerke  die ersten Schiffsschleusen errichtet.

Bis 1875 haben sie die Lippeschiffahrt schlecht und recht geregelt. Ein neuer Lippekanal, der schließlich bis Lippstadt reichte, machte dann die Schiffahrt auf der Lippe ganz entbehrlich.

 

 

Quellen: Benno Bertram, Heimatkalender 1963