Geschichte der Lippeschifffahrt

Aus der Geschichte der Lippeschifffahrt

 

Schon vor 2000 Jahren wurde die Lippe mit großen Kähnen befahren; der Beweis liegt in einem Schuppen am Haus der Heimat in Dinslaken: Es ist ein Einbaum von über 15 m Länge. Aber noch bis in das vorige Jahrhundert hinein war die Lippe ein bevorzugter Schifffahrtsweg von Westfalen zum Rhein. Es hat auch nicht an Versuchen gefehlt, die Schiffahrt auszubauen und die Lippe zu einer Wasserstraße erster Ordnung zu machen. Mit diesen Versuchen erfolgte gleichzeitig ein rigoroser Abbau der Wälder, die diesseits und jenseits der Lippe standen und deren kostbares Holz nach Holland verfrachtet wurde zum Bau von Schiffen. Am Unterlauf der Lippe, aus Flaesheim und Dorsten, aus den Scherm-becker Wäldern, aus Gartrop, Gahlen und Hiinxe und aus dem Dämmerwald wurde das Holz auf dem Wasserweg an den Rhein gefahren.

ZOLL SCHON 1462

Nur die Bürger von Dorsten dürften wissen, daß ihre Stadt schon 1462 einen kurkölnischen und einen städtischen Lippezoll erhob. Dorsten führte damals die Bezeichnung „Klein-Amsterdam”. Der Bau von Lippeschiffen brachte der Stadt eine große Blütezeit, ebenso auch dem kleinen Ort Krudenburg. Aber auch damals schon waren die verwaltungstechnischen Schwierigkeiten größer als die natürlichen. Bei der unsinnigen Kleinstaaterei konnten sich Kurköln, Vest Recklinghausen und Herzogtum Kleve nicht einigen, weder bei der Festsetzung der Schiffszölle noch bei der Anlage der Leinpfade, erst recht nicht über die Arbeiten zur Erhaltung der Lippeschiffahrt. Wohl gelang es Friedrich dem Großen, die Anliegerstaaten für eine gemeinsame Regelung der Instandhaltung aller anfallenden Einrichtungen zusammenzuführen, doch alle gutgemeinten Ratschläge scheiterten an den eifersüchtigen Plänkeleien der Kleinstaaten.

ZU NIEDRIGE BRÜCKEN

Und wenn sich schon Staaten nicht einigen konnten, nahmen auch die Bürger keine Rücksicht auf die Notwendigkeit einer Lippeschiffahrt. Sie bauten die Brücken viel zu niedrig, stellten die festen Mühlen zu nahe ans Ufer, obwohl die schwimmenden Pont- oder Floß-mühlen ans Ufer gezogen werden konnten. Beim Vorbeifahren an den Mühlen entstanden erhebliche Zeitverluste. Kein Wunder, daß die Schiffahrtsgesellschaften bemüht waren, die Mühlen zu beseitigen. Bei den Floßmühlen war das verhältnismäßig einfach, bei den anderen Mühlen in Krudenburg und Dorsten war es schwieriger.

Das ärgerlichste Hindernis für die Lippeschiffahrt aber blieben die Brücken. Sie waren so niedrig angelegt worden, daß selbst die flachgebauten Kähne kaum die Durchfahrt passieren konnten. Hermann Fermum aus Hünxe weiß davon zu berichten, „daß die Schiffer auf der Lippe nach glücklichem Passieren der Brücke jedesmal die Mütze vom Kopf zogen und drei Vaterunser beteten”.

EIN HINDERNIS

Die Brücken wurden auch ein nicht zu bezwingendes Hindernis für die geplante Lippe-Dampfschiffahrt, die der damalige Kreissekretär Hermann aus Hamm einrichten wollte. Am 30. August 1853, vor 111 Jahren, erfolgte die erste Probefahrt eines Schiffes, das einen viel zu großen Tiefgang hatte und für die Schleusen zu lang und zu breit war. Bei der Konstruktion des Schiffes waren die Engpässe gerade am Unterlauf der Lippe nicht berücksichtigt worden. Auch beim späteren Umbau zeigten sich so viele Schwierigkeiten, besonders durch die Versandung, daß der kühne Plan aufgegeben werden mußte.

Die Lippe war früher nie wasserarm, sie erhielt ihren Zustrom bei Regenzeit und in der Schneeschmelze durch ungeheure Wassermassen, die in das Flußbett ein- und überströmten. Die Wälder speicherten dann das Wasser, das in der Lippe dem Rhein zufloß. Die starke Abholzung und damit verbunden die Versandung und Versteppung taten ihr übriges. Als die Versandung dann ciie Schiffahrt behinderte, wurde versucht, den Wasserweg wieder frei zu machen, aber vergebens: die kostbare Zeit war vertan.

KRUDENBURG ALS UMSCHLAGPLATZ

Das idyllische Krudenburg gegenüber Hünxe, jenseits der Lippe, war durch die Lippeschiff-fahrt groß geworden. Hier gingen die Schiffer und Flößer vor Anker, und die Pferdehalter übernachteten dort. Auch im Winter blieb das Leben in Krudenburg rege, weil dort ein Uber-winterungshafen eingerichtet war, dessen Benutzung kostenlos blieb.

Ganz gefahrlos war die Schiffahrt damals natürlich nicht, denn noch 1S55 wurde ein Unterstützungsverein gegründet für Schiffer und Flößer, die „an oder auf der Lippe” ihren Haupterwerb fanden. Unter den Unterschriften befindet sich auch die von Gottlieb Schölten aus HÜnxe, der mit seinem Schiff zwischen Wesel und Lippstadt fuhr.

Als später die Eisenbahn gebaut wurde, verlor die Lippe ihre Bedeutung als Verkehrsstraße, die Versandung nahm zu und brachte die Schiffahrt ganz zum Erliegen. Heute ist die Lippe ein Fluß, der das Bild einer Landschaft prägt.

Leider aber wird sie heute vielfach auch als Abflußkanal benutzt und gefährdet durch vergiftetes Wasser die Fischzucht. Heute beherrscht der Lippe-Seiten-Kanal das Bild der Landschaft diesseits und jenseits der Lippe, ein Kanal, der heute schon zu den bedeutendsten Wasserstraßen unseres Landes gehört.

 

 

 

Quellen: Hein Terbrüggen, Heimatkalender 1965