Weistum über den Weseler Wald

Weistum über den Weseler Wald

Weistum über den Weseler Wald

Der Königl. Preußische Archivrat und Bibliothekar, Dr. Theodor Josef Lacomblet, gab im Jahre 1860 durch die Schaubsche Buchhandlung in Düsseldorf das „Archiv für die Geschichte des Niederrheins“ heraus.

Im dritten Bande dieses Werkes, das in zwei Hefte unterteilt ist, befindet sich, beginnend mit der Seite 18g, ein mit „Zweites Heft, die Mark- und Waldgenossenschaften“, überschriebener Hauptteil.

In Urkundensammlungen mit erläuternden Einleitungen stellt hier der Verfasser sogenannte „Weistümer“ verschiedener ländlicher Gemeinden des Niederrheins im Originaltext vor. Diese Weistümer, Regelungen zur gemeinschaftlichen Nutzung der Wald- und Weidemark bestimmter Siedlungen, sind für manche Ortsgeschichte im einzelnen und für die Rechtsgeschichte im allgemeinen von Bedeutung.

Die Sammlung enthält u. a. Waldweistümer über den Aachener Reichswald, den Duisburger Wald, den Elberfelder Gemarkenbusch, den Wald Buchholz, den Stommeler Wald, die Waldrechte zu Mohrenhoven und im engeren heimatlichen Bezüge für uns mit Urkunden aus dem Hochmittelalter: das Weistum über den Weseler Wald.

Hören wir nun zunächst im Auszuge das Wesentlichste aus der allgemeinen Einleitung:

Die Mark- und Waldgenossenschaften

Das Leben einer ländlichen Gemeinde findet einen stillen Ausdruck in der gemeinschaftlichen Nutzung der Wald- und Weidemark, woran sich auch zumeist der Begriff des Gemeindeverbandes ausgebildet hat. Daher sind alte Waldweistümer, abgesehen von ihrem rechtsgeschichtlichen Werte, für die Ortsgeschichte lehrreiche und anziehende Urkunden. Manche Zustände, welche aller Überlieferung vorangehen, weisen auf das Entstehen der Ortschaften selbst zurück.

Mehrere Weistümer deuten noch einen zweifachen Rechtsgrund an, aus welchem die Befugnis und das Maß der Waldnutzung hergeleitet ist. Sie unterscheiden zwischen Markgenossen und Walderben. Jene werden Märker, die in der Mark nicht Ansässigen Ausmärker oder mit gewöhnlicherem Namen Köther genannt. Alle Köther haben ein gleichmäßiges Recht auf den Besitz und die Bewohner eines Kothens, einer Hausstätte mit Herd, innerhalb der Mark.

Das Recht der „Erben zum Walde“ hingegen stuft sich gegenseitig ab. Urkunden über größere Höfe und Grundstücke geben an, wieviel Gewalten (potestates) zur Wald- oder Weidemark denselben zustehen. Dieses ungleiche Maß der Berechtigung zur Wald- und Weidenutzung fließt ursprünglich aus dem größeren oder geringeren Umfange des berechtigten Grundbesitzes her.

Trotz strenger Regelung des Holzverbrauchs und der Pflicht zu Neuanpflanzungen konnten selbst Aufsichten und Strafen nicht verhindern, daß viele Wälder, wie die Waldordnungen des 14. Jahrhunderts klagen, verwüstet wurden oder gar untergingen. Natürlich gab es viele Umstände und Ursachen, die hierzu beitrugen. Die Hauptgründe sind wohl in dem stetigen Anwachsen der Bevölkerung und der damit im gleichen Schritte steigenden Bodenkultur und Gewerbetätigkeit zu sehen, abgesehen davon, daß alle Kriege und die vielerlei Feldzüge für die Waldwirtschaft ebenfalls nicht förderlich waren.

Der Weseler Wald

Drei Kirchspiele, Wesel, Hamminkeln und Drevenack, und alle in ihnen gelegenen Güter sind „zum Walde berechtigt“.

„Dyt synd die rechten ind gewointen van Weseler Walde van den holtrichter ind holtgyngen soe men dat van alden herkomen gehalden hevet ind als dat by den gemeynen erffgenoiten gecleirt ind uithgedragen is.

1.Then yrsten synt in dat Walt gerechtichet alle guder gelegen im den Kerspel van Wesel;    Item dat Kerspel van Hamwinckel, uitgenamen die praestgude, die hoeren in dat Elssholt, induitgenaemen die Apelsche gudere, die hoeren in dat Hulsshorst; Item dat Kerspel ind byurschap van Drevenick; Item die guede to Hyell ind to Marss synt hyerin gerechtichet, die to Bysslick noch Brueckslachnoch Waltslach enheben; Item in den Kerspelen vursc. synt voill hoeve die recht heben in dem Wailde: als in dem Kerspel van Wesel die hoff to Wesel die Closterhoff, die hoff toe Alt-Ioe, die hoff toe Wylaken, die hoff toe Haessem, die hoff toe Drawinckel, die hoff toe Wede-husen ind toe Fluren die hoff toe Einthave ind die hoff toe Grevynckhave ind vort synt toe Fleuren hoeven ind caetsteden.Item in den Kerspel van Hamwinckelen die hoff toe Swynhem die hoff to Lohusen die hoff toe Steckelwick die hoff in gen Rade ind die Caildenhoff Deryck Kroenen;

Item in dem Kerspel ind dorp toe Drevenick die hoff to Swartsteen ind die hoff to Buden-raede.Item vermeten sich an dat Walt gerechtichet to wesen als in den Kersp van Bruynen die hoff toe Essel ind in den Kerpel van Spellen die hoff to Voirst ind die hoff to Hyell.“

In dieser ersten mittelalterlichen Urkunde  des Weselerwaldes Weistums  ist  innerhalb der aufgeführten Gemeinden  so mancher noch heute existierende bäuerliche Besitz genannt, der somit auf eine lange Geschichte zurückblicken kann.

Als Beispiel dafür möchte ich von den oben genannten uralten Bauerngütern noch einmal den „hoff toe Drawinckel“ nennen. Es ist der unter dem Namen „Gut Vinkel“ bekannte Besitz unseres Landrats Friedrich Mölleken.

Der in Drevenack von 1894 bis 1925 amtierende evangelische Pfarrer Friedrich Althen weist in seiner geschichtlichen Darstellung über „Die lutherische Gemeinde Drevenack“ (erschienen beim Evangelischen Preßverband für Rheinland, Essen 1931) auf Seite neun seines Büchleins auf die Zusammenhänge zwischen dem Ortsnamen Drevenack und dem des Gutes Vinkel hin.

Er schreibt: „Die Endung ,acon‘ oder ,icon‘ oder ,oacon‘ wurde von den Kelten, die vor der germanischen Einwanderung hier wohnten, an einen Eigennamen gehängt, um dessen Besitz anzuzeigen.“ So wie Jülich von Juliacum, d. h. Gut des Julius, den Namen hat (aus dem keltischen „iacon“ machten die Römer „iacum“), müßte Drevenack nach Meinung Friedrich Althens mit größter Wahrscheinlichkeit „Drevenakon“ oder „Drevenikon“ geheißen haben, was dann bedeuten würde: Besitztum des Dreven. (Heute noch im Familiennamen: Drews oder Drewes).

Pfarrer Althen schreibt weiter:

„Vinkel hieß früher Drawinkel oder Drawinkelle, auch Drawevinkel. Ein ,castellum de Drave-winkel‘ wird 1277 (Urkunden i. d. Farragines des Gelenius VIII. fol. 459, Köln, Stadtarchiv) und 1384 (Lacomblet, Archiv IV, S. 387) erwähnt.

Da nun die Endung ,Kelum‘ im Lateinischen eine Verkleinerung bedeutet, darf vermutet werden, daß ,Dravinculum‘, woraus ,Dra-winkelle‘ und später /Vinkel‘ geworden ist, ein kleiner Nebensitz jenes ,Drawinius‘ = ,Dre-ven‘, des Gründers und Herrn von Drevenack, gewesen ist.“

In den Weistumsurkunden „Weseler Wald“ heißt es weiter:

„To weeten is dat Marckenrecht is Ackeren, Weyden, tuyn ind tymmer.“

Der Wald ist ursprünglich als Mark offen für alle Eingesessenen in seinem Bereiche. Das Markenrecht umfaßt die Schweinetrift, die Weide und das Zaun- und Zimmerholz („tuyn ind tymmer“). Obwohl somit für alle Märker die gesamte Waldnutzung grundsätzlich eingeräumt wird, sind Berechtigungsunterschiede zu verzeichnen. Schon die Urkunde eins zeigt uns, daß eine stattliche Anzahl Höfe besonders und namentlich hervorgehoben wird. An der Spitze aller Berechtigten aber stehen die „erffgenoiten“, die Erbgenossen, wie uns dies die nachstehende Urkunde elf deutlich macht:

„Erffgenoiten die in dem wailde houwen baven averdrach der erffgenoiten in der holtynge, der ensall die holtrichter waltfurstere noch oick die wildfurstere nyet spenden, dan dat sullen sy in der neisten holtynge vernuegen in dat der voirt uthdragen laten; Ind markgenoiten die myt onrechten houwen bevonden worden, dat weir van holtrichter van waltfurster off oick van den Wiltfurster, den sullen sy darob penden vur sulke broke als dat in der neisten holtynge verleden verdraegen wer, ind sullen die pande hernae brengen op dat Cloister, dair sall die Prior op den Cloister eyn Karre ind eynen Knecht toe doen, die pande met op den Cloister to vuren, ind an den panden hevet die here dat derdendeill.“

Von einem gleichen Recht als Grundanspruch für alle, so wie es heute zu den Grundlagen einer wahrhaften Demokratie zählt, konnte also damals noch nicht die Rede sein, im Gegenteil: Der Erbgenosse konnte ruhig auch einmal unbefugt Holz fällen, wurde er dabei zufällig vom Wald- oder Wildförster ertappt, durfte das geschlagene Holz nicht gepfändet, nicht beschlagnahmt werden. Die Waldaufseher hatten lediglich auf dem nächsten Holzgeding Anzeige über den Vorfall zu machen. Der bei gleicher Untat angetroffene Markgenosse, der nicht „Erbe zum Walde“, sondern „Unerbe“ war, wurde sein geraubtes Holz wieder los. Er hatte es zum Kloster zu bringen, wobei ihm dieses mit der Gestellung von Knecht und Karre noch (sicherlich gern!) behilflich sein mußte. Von solchen Pfändungen verfiel dann noch der jeweilige dritte Teil an die Herren der Waldaufsicht und des Holzgedinges.

Schlimmer  noch   ergeht  es   einem   außerhalb   der  Markgenossenschaft   stehenden  Fremden, einem sogenannten Bürglosen, wenn er beim Holzschlagen im Walde angetroffen wird. Er wird kurzerhand festgenommen und seine Beute wie im vorstehenden Falle aufgeteilt. Die Eigenschaft eines Gutes gilt als Maßstab seiner Berechtigung für die Wald- und Weidenutzung. Hierzu besagt die Urkunde drei:

„Item als eyekelen in den Wailde synt soe hevet eyn hoff dairin XXX vercken in eynen beer, eyn hove XII vercken ind eyn caetstede eyn vercken ind elker vuerstede van Wesel hevet dairin recht van eyner weere ind die huysluyden up ten hoeven ind gueden gesetten dryven dairin oir heymtucht ind oir heymtuchtsynt oir vercken die van sunte Margariten myss dair-vor neyst geledert van oir weere toe waeter ind to traege gegain heben, dair to die huysluyde oire eden doin moissen als men dat van oen heben woldt.“

Der Hof treibt 30 Schweine mit einem Eber, die Hufe 12, der Kothen 1 Schwein zur Eichelmast in den Wald, die Hausleute auf den Hufen und Gütern dürfen an Schweinen die Anzahl in den Wald schicken, die von ihnen mit eigenem Futter aufgezogen wurde. In seiner Vorbetrachtung über das Weistum des Weseler Waldes heißt es bei Lacomblet abschließend:

„Zu Wesel auf der Mathena wird das Holzgeding abgehalten. Der alte Reichshof Wesel ward das Haupt des nach ihm genannten Waldes, und die Stadt, welche darauf im Jahr 1241 entstanden (Urkundenbuch II. 258), hat wohl am meisten dazu beigetragen, neben dem fränkischen Hofessystem, welches sich in Beziehung der Waldnutzung geltend gemacht, das alte Markenrecht in den Hausleuten aufrecht zu erhalten.“

Das Weistum über den Weseler Wald schließt mit einer unter dem Vorsitz Sander Vogels und des Bürgermeisters Johann Cortenbusch vom „Ehrbaren Raidt und sementlichen Erven und Waldtgenossen“ im Jahre 1518 festgelegten „Waldt-Ordtnungh“, die in 54 Einzelabschnitten bis ins Detail gehende Bestimmungen und Regelungen zur geordneten Nutzung und Pflege des gemeinsamen Waldbesitzes enthält und dem hohen Ziele der „Wolfart unsers Waldtz“ dienbar gemacht werden sollte.

 

 

QUELLEN:

  1. Archiv für die Geschichte des Niederrhein, III. Band. Herausgegeben von Dr. Theodor Joseph Lacomblet,

Könlgl.-Preußischer Archivrathe und Bibliothekar.  Düsseldorf, 1860. In Commission der Schaubschen Buchhandlung.

  1. Die lutherische Gemeinde Drevenack. Pfarrer Friedrich Althen. Erschienen beim Evangelischen Preßverband für Rheinland. Essen 1931.
  1. Alfred-Wilhelm Scholten, Heimatkalender 1969
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