Aus den Erinnerungen . . .

Aus den Erinnerungen . . .

Aus den Erinnerungen eines Dorfschullehrers

Die alten mächtigen Kiefern des Heidewaldes, in dem vor hundert Jahren das Schulhaus breit-hin gebaut wurde, sterben langsam dahin, und den beiden letzten dunkelborkigen und gar nicht mehr weißen alten Birken brach vor einiger Zeit der Wirbelsturm die morschen Äste aus den hohen Kronen. Ihre Zeit ist vorbei, und der Schreiner wird ihnen schon im nächsten Herbst ein schnelles Sterben geben. Man liebt die Bäume, mit denen man Jahrzehnte lebte, ihr lieblich helles Blättergewölk im frühen Frühjahr und ihr freundliches Vergolden im sonnigen Herbst. In den Kronen unserer alten Bäume nisten die Elstern, flötet der Pirol und klettern und springen die Eichhörnchen. Wenn aber die letzte Kiefer mit ihrem nun noch rauschend geballten dunklen Nadelgeäst auch zerbrochen sein wird, dann steht die Eiche immer noch, obwohl zweimal der Blitz sie zu zersplittern drohte, breit und stark über den zarten jungen Linden und wahrt vielfach schicksalumdroht Jahr für Jahr mit neuem Ergrünen ihr trotzendes Dasein. Schon aber ragt an der anderen Seite des Hauses die Akazie hoch über die Drähte der Starkstromleitung hinaus. In den Tagen des Ersten Weltkrieges habe ich den Baum selbst gepflanzt und später oder früher alle die Sträucher, durch deren buschiges Erbreiten, 

                                              Die alte Dorfschule in Drevenack

wie wir es lieben, dem sogenannten „Vorgärtchen“ nur ein einziges Blumenbeet geblieben ist. Den Dank für dieses scheinbare Verzichten singen mir im Lenz die Drosseln und die Grasmücken und auch noch die Nachtigallen über den wilden Rosen, dem wilden Flieder, Faulbaum und rankenden Geißblatt oder in den Ebereschenbüschen, die im späten Sommer ihre roten Früchtedolden hängen lassen. So wächst und singt und blüht der Wald bis in unser Haus, bis dicht an die Fensterscheiben meines Arbeitszimmers, und es rauscht der Wind der Ebene, der weiten Heidelandschaft — und es braust der Sturm der Ferne über unser Haus und durch unsere Seelen, wenn wir in den Abenden die Stille und in der Einsamkeit die größere Gemeinsamkeit erleben.

Wenn mich einer fragen sollte, warum mir diese Landschaft zur neuen und wohl eigentlichen Heimat wurde, dann werde ich sagen, daß ich sie liebe, daß einer seine Heimat suchen kann, indem sie ihm im Blut liegt, daß in diesem Blut ein unbewußtes Drängen ist, eine verhaltene Sehnsucht, die sich zu erfüllen scheint in einem Finden, einer Beruhigung und Stille, aus der ein neues Wachstum, Werden sich gestaltet. Man steht zwischen grünen Hecken eines Dorfes, in dem ein Kirchturm wie ein Wehrturm aufragt, und sieht vor allem ringsum eine Ferne, aus der der Blick zurückkehrt über Wälder, Heide, Felder, und freut sich im kleinen auch, daß die Wacholder noch bis auf den Schulhof wachsen. Dies war einmal. Das Besitzergreifen oder das Erleben der Einswerdung einer inneren und äußeren Landschaft, das war einmal und ist immer wieder, weil alle Jahre ein neuer Frühling wird und neuer, herber Herbst, dem die Landschaft mit den dunklen Kiefern und den alten Eichen auf der Landwehr mehr gemäß ist als irgend einer anderen Jahreszeit, und weil mit jedem Tag ein neuer Morgen wird über den östlichen Hügeln, über die sich der Qualm der ersten Zechen wölbt — und ein neuer Abend, in dem das Land in Wolkennebel oder rötlich goldener Sonne, die aus den finsteren Föhren noch viel roter scheint, versinkt. Und wenn mich einer nach dieser Heimat fragt, sehe ich nun schon meine Enkelkinder im Sande spielen — auf dem hohen Hügel vor der Kirche — auf dem einst meine Kinder Burgen bauten, Häuser und Türme und Backöfen, in denen man die aus Mutters Hühnerstall gestohlenen Eier braten kann, und ich erinnere mich, daß meine großen Jungen mit Pferd und Wagen umzugehen wissen, und daß meine Töchter heute noch, aus den Städten heimgekehrt, mit den Gespielinnen von einst plattdeutsch sprechen. Und ich sehe Mädel und Jungen vor mir, wie sie eines Sinnes mit mir werden, wenn ich ihnen von der Landschaft erzähle, ihrer Einfachheit und Schlichtheit und Ursprünglichkeit, die sich auch in ihren Bewohnern offenbart und die ihnen und uns allen ein Sinnbild sein kann für alles, was die Zeit von uns verlangt: Schlichtheit, Einfachheit, Ursprünglichkeit . . ., die Bereitschaft, zu entbehren, arm sein zu können um des anderen, um eines inneren Reichtums willen . . ., kraftvoll den Stürmen, dem Schicksal, bereit — so, wie sich diese Landschaft dartut in gebreiteter Ergebenheit und so, wie die einsamen Menschen dieser Landschaft selber sind: zäh dem Augenblick und dem Unendlichen ergeben; denn heiße Sommer verbrannten noch vor wenigen Jahren ihr spärliches Wiesengras, und noch in diesem letzten Jahre ergrünten die Körner des vom Regen niedergeschlagenen Hafers, ehe er gemäht war . . .

Wenn ich sage, daß ich Lehrer dieser Landschaft war, der die Kinder einstiger Schüler und Schülerinnen wieder aus der Schule entließ, und wenn ich von dieser Schulmeisterei erzählen sollte, dann würde ich wieder von der Landschaft erzählen und ihren Menschen, denn es ist alles Lernen ein Unding und ein Irrtum, wenn es anders sein soll, als daß sich das innerste Auge, das innerste Ohr auftut und schaut und lauscht . . . und ist es dann nicht die Heimat selbst, die ruft und zugleich gerufen wird und in Bereitschaft ist, die sich regt, erregte und wirkend wirklich ist? Alles Lernen kann nur heimatliches Lernen sein, denn auch die große Welt ist Heimat dem, der Heimat hat. Und ein anderes noch: es wird niemand die einfache und kleine Schönheit sehen, der sich in sich selber nicht die Ursprünglichkeit des einfachen Wesens gewahrt hat, der nicht die große Schönheit in sich selber trägt. In diesem Sinne ist es wahr, was immer noch der Bauer spricht,, daß nur der im Großen treu ist, der im Kleinen seine Treue in der einfachsten und kleinsten Gemeinschaft offenbart. Wenn mich aber einer fragt, warum ich immer noch im Herzen Lehrer bin, dann antworte ich, daß ich es immer wieder bin und daß ich als Lehrer wie als Dichter eines bin: Schaffender aus Notwendigkeiten, die ich selber nicht bestimmen kann, in denen aber die Landschaft meiner Wahlheimat vielfach bestimmend ist.

Knut Hamsuns „Segen der Erde“ mit dem Bauer, der „ein Baumstumpf ist mit Erde dran, inwendig aber wie ein Kind“, könnte sich in dieser Landschaft der rechtsniederrheinischen Heidehöhen ereignet haben, und Maler, die die Metaphysik dieser Landschaft und die Arbeit malten, könnten dieses Buch illustrieren. Hamsuns unendlicher Blick und die weltfromme Verehrung alles natürlichen und wahren Seins! Der Bauer hat das Ödland urbar gemacht. Vor fünfzig Jahren noch schickte er seine Heidschnuckenherde zwischen die hellen und die dunklen Wacholder. Auf der Höhe ist nichts als Sand, und das Leben ist anders als auf dem Marschboden der Niederung. Zähigkeit und letzte Sparsamkeit aber haben auch den Heidebauer wohlhabend gemacht . . . Und wenn — Gott sei es geklagt — manches Bruch und mancher stille Weiher trockengelegt wurden und Wollgras und Sonnentau und der himmelblaue Enzian mehr und mehr verschwinden, so ist doch noch manches Bild einstiger Ursprünglichkeit geblieben und wird uns als Sinnbild und Wirklichkeit zugleich für alle Zeiten gewahrt. Wer Annette von Drostes „Heidebilder“ in Wald und Flur erleben will, der mag durch diese Landschaft wandern. Und wer weitergeht, die Höhen hinauf, die der Gletscher der Vorzeit angeschüttet hat, der mag in herbstlichen Abenden, dem orgelnden Röhren der Hirsche lauschend, Ursprünglichkeit und unmittelbare Natur erleben.

Auf der Landwehr, einem Grenzwall, wahrscheinlich aus der Merowingerzeit, stehen die alten Eichenstümpfe. Karl und Widukind und früher Hermann und die Römer! Heinrich I, Otto der Große und die späteren Franken — in diesem Land der Niedersachsen und der Franken und der Friesen ist in früher Zeit viel geschehen. Jener Kirchturm ist fast tausend Jahre alt. Memoirensteine mit dem germanischen Sonnenzeichen in der Mauer stammen aus dem 10. und 9. Jahrhundert. Herbe Wirklichkeit des Naturempfindens verbindet sich mit dem Empfinden ferner germanisch-deutscher Vergangenheit, und das Hünengrab und sonderbare Formationen in der Heide und im hügeligen Wald verstärken das Gefühl der Bodenständigkeit und Erdverwachsenheit auch eines Bauerntums, das — wenn auch die Kinder heute vielfach hochdeutsch sprechen — ursprüngliches Wesen gewahrt hat in Sitten und Gebräuchen wie in der herben Sachlichkeit, die der karge Sandboden bedingt, wie in der Verborgenheit der Seelen, die wie überhängt sind vom schleierhaften Geheimnis, das auch — und selbst in hellen Sommertagen — über der weiten Fläche der Landschaft mit ihren Wacholdern, dunklen Kiefern, ihren bewegten Birken und an Wassern immer bewegter Pappeln und selbst über dem blühenden Meer der gelben Ginsterwogen des Frühlings, über dem die Heidelerche singt und der Kuckuck ruft, zu schweben scheint . . .

Von den sandigen Höhen wandern die Bäume der Wälder in Alleen durch die wogenden Felder der Niederung und weiter bis zum Strom und ins brüderlich-niederrheinische Land der anderen Seite. Rechts breiten sich die Wälder und Felder ins westfälische Land — und nah, ganz nah ist die Industrie, deren feurigen Schein wir im Abend sehen und die wir als die ferne Küste eines wirklich anderen Lebens empfinden, wenn unser Dorf die stille Insel ist im Meer der Heide und der Wald- und Felderflur. War dies einmal und ist es schon nicht mehr? Aber was einmal wirklich war, lebt in der Seele immer noch, wenn sie ihr Eigentliches nur zu wahren weiß.

Heimat als Wurzelung — und Seele als Volksnatur und Wesenheit ewiger Welt! Heimat als Sinnbild im Gegensatz zu aller sentimentalen lokalpatriotischen Begrenzung! Die Aufgabe des Dichters kann nicht begrenzt sein, indem sein Blut die Aufgaben seines Müssens vor allem Anfang gegeben hat. Ein wahrhaft persönlicher Mensch aber ist ein heimatlicher und volksverbundener Mensch. Der Dichtung eines Menschen aber werden immer die Bilder und Besonderheiten der Landschaft, die ihn selbst vielfach bestimmt, zu eigen sein. Es mag einer seine Heimat vor allem Wollen haben — derjenige aber, der sie zuerst suchen muß, sucht sie mehr in sich als außerhalb und findet außerhalb nichts als die Bestätigung seines Innern. Und was wir Wahlheimat nennen, ist somit nicht minder vorbestimmt.

Herbst- und Winterstürme brausten wieder einmal über unser Haus, die die Stürme unserer Heimat sind, und — wir wissen und fühlen es wohl — die Stürme auch der ewigen Welt. Aus Herbst und Winter war wieder Frühling geworden, und wir sehen es schon jetzt, daß unsere alten Birken doch noch einmal ergrünen konnten. Unsere Frühlingswinde, die in heimatlichen Bäumen wehen, wehen weit hinüber übers Land zu denen auch, die die Schule und das Dorf verlassen haben. An den  Lebensbäumen unserer Heimat grünt Erinnerung . . .

Uns ist wohlgetan.Wenn aus der dunklen Stunden Erdreich sich die lichte Blüte Heimat treu erschließt . . .Mögen sie, die ferngewandert sind, ihres Heimatwesens wunderbare Erdengüte grüßen — wir grüßen sie alle gern mit demselben Gruß. Denn — es ist so hier bei uns — wir kennen uns alle noch . . .
Es ist das tiefste Glück der Einsamkeit, daß in ihr die größte tatbedingte Gemeinsamkeit beruht und damit die Kraft zu zeit- und ewigkeitbedingtem Kampf im Dienste des, das wir „Leben“ nennen.

Es sind Jahre vergangen, seit ich dieses schrieb, und es sind schwere Schicksale über uns dahingegangen. Was in uns bleibend ist, ist unsere seelische Substanz. Ich war wieder einmal dort, wo nicht meine Wiege stand, wo aber meine Seele Heimat fand. Die Landschaft und die Menschen als Einheit in sich zu tragen, die alten Kiefern und die jungen Birken in einer himmelüberwölbten Einheit in sich als unzerstörbar lebendiges Wesens-Sein zu wissen, das ist Heimat im vielfältigen, nicht zuletzt auch sozialen Sinn. Man spürt es, wenn man wiederkommt, und mehr noch immer wieder, wenn man Abschied nimmt, wie man bis in die Sphären des Unbewußten hinein der Landschaft und wie einem die Landschaft selbst treu geblieben ist und wie man sich gegenseitig treu verbunden bleiben wird.

 

 

Erich Bockemühl                                                                  Heimatkalender 1969

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