Die Feuersbrunst

Die Feuersbrunst

Die Feuersbrunst

Das rote Schleifchen und der Kinderschuh . .

Irgendwo also muß ein Funke gewesen sein, irgendwo in einer Ecke unterm Stroh. Der Bauer hatte sein Korn trocken eingefahren, woher also nun mochte das Feuer sein? Für einen Chemiker wäre es vielleicht eine interessante Aufgabe gewesen, alle Möglichkeiten zu prüfen — denn was war es? Ein chemischer Vorgang doch, gar nichts Besonderes übrigens. Es wird irgendein neuer Stoff hervorgebracht, und dann brennt die Scheune, der Stall, das Wohnhaus, sogar, wenn es nicht versichert ist,  brennt alles herunter und ist zuletzt ein Aschenhaufen übrig, erst noch qualmend, aufflackernd zuweilen, und nachher, wenn ein Regen fällt, liegt alles schwarz, grau und tot. Dann mag einer suchen, ob er nicht ein Erinnerungsstück und Andenken findet, — er mag die Balken, die Steine herausziehen, mag alles umwenden, Balken, Steine, Asche, Schutt, Tierknochen. Vielleicht, daß irgendwo der kleine Schädel gefunden wird, ein Arm oder Bein oder das rote Schleifchen noch vom Hals, ein Kinderschuh. Das rote Schleifchen könnte ein Erinnerungsstück für die Mutter werden. Wenn sie sehr alt ist, mag sie ihren Enkelkindern erzählen, wie das Haus verbrannte. Da wächst übrigens jetzt Getreide im Sommer, Klee im Herbst, dann duftet das Feld süß und gar nicht nach Brand, und die Bienen summen. Die Kinder wissen nichts vom Brandgeruch des Feldes, aber die Alten. Und wenn es Lupine ist mit ihrem süßen Duft: die Alten vergessen das nie, das Geknatter der Flammen, die flatternden Fahnen aus den Dächern, das Feld riecht immer noch nach Brand. Die Großmutter erzählt gern von dem schwersten Tag ihres Lebens. Sie weint dann alkmal und ist doch nicht traurig, nein, sie geht sehr gern an das kleine Kästchen und sucht die rote Schleife und den Kinderschuh. Die Großmutter ist sehr alt und sehr stolz und froh, daß sie die Andenken hat, denn es ist sehr wichtig, alt zu sein und die letzte zu sein, die den großen Brand miterlebte und das zu erzählen an Nachbarskinder und an den neuen Pfarrer. Ja, wenn sie damals nicht alles verloren gehabt hätten! Sie waren ganz arm gewesen, Geld, alles war fort. Nur das rote Schleifchen und der Kinderschuh . . . Kleine Ursache, große Wirkung, sagte einer. Nur das Fünkchen, das winzige Fünkchen im Stroh! Es kann nicht anders sein, als daß ein Tier dort gestorben ist, oder daß eine Katze gejungt hat und die Brut hernach verwest ist. Es weiß keiner. Die Menschen liegen da und schlafen und haben die Suppe gegessen am Abend, und am andern Tag hat einer Geburtstag, und die Kuh wird bald kalben müssen — und die gewaltige Flamme schlägt schon bis ans Dach, wie ein großes, flackerndes Fahnentuch weht die Flamme über dem Haus. Das kleine Kind war in seiner Angst fortgelaufen, als es der Vater greifen wollte, und schon brach das Gebälk, daß es hinunter in die Flammen fiel. Daß das rote Schleifchen und der kleine Schuh erhalten blieben: wer wußte wohl, wie das möglich war!

Das kleine Fünkchen im Stroh: ob ein Fünkchen lebendig ist? Da es doch wie ein Auge schaut in der Nacht? Ein Auge, wachsend, schlagt das Auge tot, oder es wächst ein Tier, schwarzes Tier mit roter Zunge, das leckt am Stroh, leckt die roten Schlangen wach, oder bricht sie aus, rote Schlangen immerfort, hui, hui, rasend, schlängelnd hinauf. Was ist aufgeweckt? Der „rote Hahn“ auf dem Dach? Er sank längst schon wieder hinab, vom Dach hinab, denn das Dach brach ab, prasselnd, keuchend! Wie die Funken fliegen im Wind! Ein Dach brennt, zwei Dächer, drei, vier — da ist kein Dach mehr, alles bricht zusammen. Und einen Tag lang glüht ein Ungetüm, ein Rätselhaftes unter Trümmern, ein glühendes Tier, am Abend ist das dunkle, schwarze Nichts. Am Abend zieht ein Häuflein Menschen barhaupt und weinend durch den Wald! Ein Fünklein, kleinstes Fünklein — oh, das Geheimnis: ohne irgendeinen Willen, einen Gedanken, bricht der Menschen Werk zusammen, und ist keiner, der des Rätsels Lösung zu ergründen weiß, kein Chemiker und Prophet — und war doch einer, der zu wissen glaubte (Großmutter hat’s erzählt): der alte Schäfer, der helle Sinne hat. Er hat den Tod gesehen vom Wald kommen in der Nacht. Der Tod hat das Fünkchen in das Stroh geworfen — er hat den Tod gesehen durch die Flammen reiten, der Tod hat das Kind aus seinem Bett herausgerissen und hinweggeführt und ist dann zwischen allen Menschen hergegangen und hat gelächelt; die rote Schleife und den Kinderschuh hat er hernach zurückgebracht und unter kalten Schutt gelegt. Denn ob er grausam ist, immer eine letzte Güte weiß der Tod.

Ja, helle Sinne hat der alte Schäfer, der Salomon … er hat den Tod in der Nacht auf den Trümmern gesehen, auf der Steinbank hat er gesessen unter dem alten Baum, er hat den Kopf in die Hand gestützt und hat geweint. Er hat den Mantel fest angezogen, weil ihn fror, ob auch die Glut noch nicht erloschen war. Wunderliche Dinge weiß der Salomon vom Tod, der weint, weil er den Menschen Böses tut, weint über Gott, der ihn herabgeschickt hat. Ein Funke in dem Stroh? Salomon lacht — das sind nicht Funken. Er hat den Tod gesehen dunkel in den Flammen mit wehendem Mantel hoch überm Dach (die Hahnenfeder wippte auf und nieder von dem schwarzen Hut), gebietend allen Tausend und Millionen Geistern der Feuerwelt. Jedoch das Kind, das kleine süße Annchen, das so lieblich plaudern konnte, hat er selbst hinabgestoßen und hat auch selbst, da alles doch verbrannte, das Schleifchen und den kleinen Kinderschuh gerettet.

 

 

 

Quellen: Erich Bockemühl                                                          Heimatkalender 1964

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