Sommerkönigin

Sommerkönigin

Ockergelbe Weizenfelder, im Glanz der Sonne golden leuchtend, und selbst die sonst so fahnenflatternd bewegten grünen Gebüsche vor dem nahen Horizont lassen wie geduckt die Zweige hängen, denn es liegt gleißende Mittagsglut über dem Land. Weither und -hin über Landschaft, Wald und Weide, Dorf und Einsamkeit und Stille wölbt sich ununterbrochen blau der hohe Himmel.

Was ich so denke, der ich mich am Graben liegend im herben Ruchgrasduft und zwischen gelbem Kreuzkraut und Johanniskraut von Insekten umsummen lasse? Daß vieles vergangen ist, was einst frisch und jung in Liebe war und vieles einst begann, dessen Fortgang über die Reife niemand wissen kann. Was aus der Unendlichkeit kommt — und was etwa kommt nicht aus ihr? —, strebt in die Unendlichkeit zurück, die uns verborgen bleibt. Und ist nicht „Zeit” nur wie eine Welle in der Ewigkeit, in der wir leben? Ich sehe den roten Mohn zwischen dem Gold der Ähren in seinem turbanroten Purpur und schwarzen Haarkranz wie einen Prinzen aus Tausendundeiner Nacht. Ich sehe Kornblumen wie Himmelsaugen blau unter goldig gelbem Weizenhaar und Kornraden, die bescheidenen Jüngferlein im violetten Mieder über grünem Schürzchen. Ich sehe Kamillen und atme ihren nahen Duft, der alle Sommerdüfte in sich einigt, Düfte von Rosen, Nelken, Wein und jene Süße gar des Labkrauts, das unsere Kinder um des Duftes willen „unserer lieben Frauen Bettstroh” nennen — ja, ich schaue dieser Blume mit ihrem weißen Strahlenkranz um eine gelbe Sonne in ihr Antlitz, und es fällt mir ein, daß sie im Norden „Baldersbra”, Balders Braue oder Wimper oder Auge heißt: „Eine Pflanze ist so glänzend weiß, daß sie mit Balders Wimper verglichen wird”, steht in jedem alten Eddabuch. Und Balder war der Gott des Lichtes und der Liebe und hat um deswillen sterben müssen. Neid, Haß und böse Tat! Und auch Nanna, seine Gattin, die die Blüte bedeutet, hat sterben müssen, weil die Blüte ohne Balders Sonnenlicht nicht leben kann. Ist in jenem Kamillenduft bei aller Sommersüße nicht doch jene Herbheit auch der Reife? Auch der Weizen duftet herb, wie die Erde, aus der er wächst und aus der er die geheimnishafte Lebenskraft hervorsaugt, aus der er leben und aus der wir alle leben können. Ich träume. Vielleicht war ich einen Augenblick eingeschlafen? Zwischen den Feldern her über den grünen Sommerweg schreitet eine Gestalt, die mir bekannt ist. Gold und Edelsteine blitzen an ihren Händen. Ihr Gewand ist margeritenhaft bestickt, und auf dem Kopf im ockergelben Weizenhaar trägt sie jenen Kranz aus Ähren, Mohn und blauen Kornblumen, zwischen denen grüne Hopfenranken um die Schläfen hängen. Ist das aber ihr Gesicht aus frühen Tagen noch? Schön ist sie, aber im Ausdruck ihrer Augen und ihrer Miene ruht der tiefe Ernst eines Wissens, das vordem nur Ahnen und Sehnsucht war. Nicht mehr die Lieblichkeit lächelt aus vertrauten Augen, eine Herbheit spricht, die mich bewegt, die mich zurückzudenken zwingt, so daß ich aufspringend sie zu umfassen suche, was sie mir wehrt, indem sie leis und lächelnd die Hand auf mein Haupt legt, wie um mich zu segnen.

Ein weißer Zelter kommt langsamen Schrittes gegangen. Er neigt sich auf die Knie, daß sie ihn besteigen kann, und die Sommerkönigin reitet — wohin? Ins Nie wo, woher sie kommt   . . . zwischen Feldern hin über den Horizont . . . Und indem das geschieht, biegen Musikanten mit goldenen Geigen und Bratschen um die Feldecke zum Walde hin, Rosen an ihren spitzen Hüten tragend, indes ich zu mir selbst erwache, mich erhebe und besinnlich meine Straße durch den Sommer schreite.

 

 

 

Quellen: Erich Bockemühl                                                 Heimatkalender 1970