Das Mädchen und der Tod

Das Mädchen und der Tod

Ein Märchen aus der Heide

Es war ein Mädchen, das wohnte auf dem Hof vor der Heide, und ob die Wiesen bunt mit Blumen standen, lila, gelb und weiß, so konnte es sich ihrer nicht wie einstmals freuen, denn es war krank. Die Schmerzen in seiner Brust nahmen täglich zu. Als Sommer war und rings im Land die Felder goldig reiften, als die Heide blühte unter dem goldenen Summesang der Bienen, lag es in dem alten Sessel, in dem die Urgroßmutter einst gestorben war, sah wehmütig in die schöne Sommerzeit und ahnte, daß es bald schon sterben müßte. Es wurde ihm nicht leicht, von der schönen Welt zu scheiden, mehr aber noch fürchtete es sich vor der Dunkelheit und Macht des Todes.

Da geschah es eines Tages, als es wieder im Schatten des alten Lindenbaumes vor der Hoftür saß, als am Waldrand drüben die Rehe im Wiesengras standen, daß ein junger Mensch des Weges kam, der die Kranke grüßte. Sie sprachen miteinander über den schönen Tag und die blühende Heide mit ihren Wacholdern, die wie einsame Beter inmitten des sonnigen Lebens ständen. Und als das Mädchen von seiner Krankheit sprach und daß es nun bald sterben müsse, traten ihm die Tränen in die Augen. Der junge Mann wußte ihm aber auch nichts zu sagen, reichte ihm aber so freundlich lächelnd die Hand, daß auch bei dem Mädchen ein Lächeln durch das umschleierte Weinen schien, und ging alsdann wieder hinweg. „Kannte ich ihn nicht?“ fragte sich das Mädchen, als es wieder allein im Abend saß. Es erinnerte sich eines Knaben, mit dem es gemeinsam zur Schule gegangen, der aber früh gestorben war.

Am Abend ging das Mädchen schlafen, und als es am anderen Morgen erwachte, war es nicht in seinem Zimmer, sondern es schritt durch die Heide an der Seite des jungen Mannes, der es gestern besucht hatte. Es wunderte sich, daß es nun so gut allein gehen konnte. Aber das ganze Land um es her machte den Eindruck, als sei es verwandelt. Wohl war alles wie sonst, die Wacholder, die Birken, aber das Bienengesumm war wie eine wundersame Musik, wie sie das Mädchen so schön noch nie vernommen hatte. Als wenn alle Dinge, die Bäume, die Wolken und der Himmel, als wenn sie alle in dieser Musik mitgeklungen hätten, und schließlich war es so, als wenn auch seine Seele mitgeklungen hätte und es selber gar nicht mehr auf seinen Füßen gehe, sondern schwebte, so leicht war ihm sein ganzes Wesen.

Dann aber sah es zu seinem Begleiter hin: „Wer bist du? Wie ist das? Es ist alles so schön um mich her, so vertraut und doch . . . anders, wie verwandelt, ach, so, daß ich es mit meinen Worten nicht sagen kann.“

Und der Jüngling sagte: „Sieh, Friedeliese, ich bin der, den du gefürchtet hast, als du krank warst und wußtest, daß du nicht mehr gesund werden konntest. Ich bin dir erschienen als einer, den du zu kennen glaubst. Ich bin der Tod, und du bist bereits gestorben und hast es wohl gar nicht einmal gemerkt. Deine Leiche liegt drüben zuhause in der Kammer, und der Schreiner ist bereits dabei, für dich den Sarg zu zimmern. Sie haben daheim nun alle Hände voll zu tun. Magst du doch gleich wohl eine Weile heimkehren und dich zu den Deinen gesellen. Wenn sie dich auch nicht sehen und betasten können, so spüren sie doch deine Nähe. Und wenn du deine Hände auf die deiner Mutter legst, das tut ihr wohl.“

So sprachen sie miteinander, als das Mädchen seine beiden Brüder im schwarzen Anzug auf das Dorf zuschreiten sah, und es war gleich neben ihnen, um sie eine Strecke zu begleiten. „Als wenn Friedeliese neben uns ging“, sagte der eine, und der andere nickte stumm. Als sie sich umsah, war der Jüngling, war der Tod verschwunden.

Sie ging nun ihrem Elternhaus entgegen und sah die Trauer der anderen und hatte Mitleid mit ihnen, weil sie um ihretwillen weinten. Sie hätte ihnen sagen mögen: „Weint doch nicht, ich bin doch bei euch, nur, daß ihr mich nicht sehen könnt.“ Aber bei aller Traurigkeit konnte sie doch nicht wie einst in ihrer menschlichen Wesenheit traurig sein. Immer war um sie die Musik der Ewigkeit, die auch auf dieser Erde und in diesem Leben tönt, die wir aber meist nicht vernehmen, weil unsere Herzen für sie nicht aufgetan sind.

 

 

Quellen: Erich Bockemühl                                                       Heimatkalender 1966

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