Erich Bockemühl

Erich Bockemühl

Erich Bockemühl (1885 – 1968)

 

Versuch einer objektiven Würdigung

 

(aber kann ein Enkel gegenüber seinem Großvater wirklich objektiv sein?)

 

Erich Bockemühl war zunächst einmal ein überaus engagierter Volksschullehrer – im besten wohlverstandenen Sinne des Wortes -, der es wie kaum ein Zweiter verstand, seine Schüler den Unterrichtsstoff „erleben“ und „begreifen“ zu lassen.

Beeinflusst von der am Kind ausgerichteten Pädagogik des Heinrich Pestalozzi stand er der deutschen Reformschulbewegung Anfang des 20. Jahrhunderts nahe. In seinen zahlreichen Aufsätzen, Briefwechseln, Eingaben an die Schulbehörden etc. bekämpfte er den überkommenen Ansatz Herbarts der „Paukschule“ – man verzeihe mir diese herabwürdigende Simplifizierung – und wusste sich darin mit den Reformschulpädagogen Montessori, Kerschensteiner (Arbeitsschule), Kurt Hahn (Arbeitsschule Schloss Salem als Internatsschule für die „Elite“), Rudolf Steiner (Waldorf-Schule) usw. einig. Er meldete sich aber auch immer dann vehement-kritisch zu Wort, wenn – für kindliche Entwicklungsstufen richtige und von Bockemühl selbst erfolgreich praktizierte – Unterrichtsmethoden zu absoluten und „allein selig machenden“ Prinzipen für das gesamte Schulsystem erhoben wurden. Selbst derjenigen Volksschullehrer-Generation angehörend, die ihr berufliches Rüstzeug weitaus überwiegend durch einen erfahrenen Lehrer in der konkreten Unterrichtssituation vermittelt bekam, war er hochgeachteter „Schulmeister“ für zahlreiche Junglehrer. Hier stand er in der Tradition seines Großvaters Robert B. und seines Vaters Otto B., letzterer war auch als Autor von Schulbüchern für die Preußische Rheinprovinz hervorgetreten. Dass Erich Bockemühl – insbesondere in Anbetracht seiner schriftstellerischen Begabung – auch Schulbücher bearbeitet und für sie zahlreiche Beiträge verfasst hat (u.a. „Die gute Saat“, G. Westermann Verlag), versteht sich beinahe von selbst.

Bedeutsamer als Bockemühls pädagogisches Wirken ist wohl für die heutige Zeit sein vielfältiges dichterisch-schriftstellerisches Schaffen. Er stand als junger Mann anfangs des 20. Jahrhunderts dem Dichterkreis Charon um Otto zur Linde, Rudolf Paulsen, Karl Röttger, et.al. nahe, der sich der Erneuerung der deutschen Sprache verschrieben hatte. Im Charon-Verlag sind folgerichtig auch seine ersten Gedichtbände „So still in mir“ und „Worte mit Gott“ erschienen, allerdings in einer heute nicht mehr so recht zugänglichen Sprache. Bockemühl war tief verwurzelt in seiner niederrheinischen Heimat, geprägt zum einen durch ihre unendliche Weite und – um seinen Lebensmittelpunkt Drevenack bei Wesel herum – die herbe Kargheit ihrer Heidelandschaft, zum anderen durch die abwechslungsreiche Vielfalt von Hügeln, Tälern und Flüssen des Bergischen Landes, wo er geboren wurde (Bickenbach bei Gummersbach) und aufwuchs (Kettwig an der Ruhr, zwischen Düsseldorf und Essen). Diese seine Heimat hat auch seine Lyrik voller zeitlos-beeindruckender Aussagen in stilistisch-sprachlicher Einzigartigkeit geprägt, die ihm nicht zu Unrecht das Prädikat des „Heimatdichters vom Niederrhein“ eingetragen hat. Bockemühl hat diesen Titel immer als Auszeichnung begriffen. Leider wird heute oft der soziale, gesellschaftliche und kulturelle Wert und Begriff Heimat bestenfalls belächelt und als seicht und sentimental abgetan, was dazu geführt hat, dass sein Werk in den letzten Jahrzehnten kaum noch zu verlegen war. Lediglich das „Niederrheinische Sagenbuch“ wird immer noch nachgefragt und ist in seiner dritten Auflage aktuell erhältlich.

Gerade diese ausgeprägte Doppelbegabung des Pädagogen und Schriftstellers ließen Bockemühl eine Fülle von Aufsätzen, Erzählungen, szenischen Spielstücken und Kurzbiografien bedeutender geschichtlicher Persönlichkeiten schreiben, in denen er sich gezielt an den für ihn besonders wichtigen Leserkreis der Kinder und Jugendlichen wandte. In einer ihnen zugänglichen und dennoch „literarischen“ Sprache weckte er Verständnis und Wissensdurst für Natur, Kultur und Geschichte von Heimat und Vaterland, an deren echten Werten Bockemühl trotz aller politischen Wirren unbeirrt festhielt. So war er Mitherausgeber einer Jugendbuchreihe im Marhold-Verlag und verfasste selbst eine Reihe von auch für Erwachsene höchst lesenswerten Heften dieser Serie. Seine meist weihnachtlichen Spielstücke – durchweg mit musikalischen Passagen und wertvollen Anregungen für die Aufführungspraxis durchsetzt – wurden unter seiner Leitung mit der gesamten Dorfgemeinde Drevenacks eingeübt und als kulturelle Jahreshöhepunkte aufgeführt. Sie fanden dann durch Veröffentlichung unter anderem im Deutschen Laienspielverlag weitere Verbreitung

Erich Bockemühl war ohne Zweifel ein durch und durch musischer Mensch. Selbst jahrzehntelang Organist, setzte er sich literarisch mit dem Werk großer Komponisten auseinander (der unveröffentlichte Entwurf eines Musiker-Prosabuchs befindet sich im Nachlass). Seine ausgeprägt musikalische Sprache inspirierte befreundete Komponisten zur Vertonung von Gedichten, Kantaten und Krippenspielen (Quirin Rische, Max Scheunemann et al.). Intensive Freundschaften pflegte er mit zahlreichen bildenden Künstlern aus dem niederrheinischen Raum. Allen voran der Maler und Bildhauer Prof. Otto Pankok, einer der bedeutendsten deutschen Expressionisten, der seinen „Carissimo“ mehrfach porträtiert hat.                                                                                                            Das gesamte nachgelassene Werk Bockemühls (einschließlich seiner außerordentlich umfangreichen Briefwechsel mit zahlreichen Künstlerpersönlichkeiten bis hin zum Literatur-Nobelpreis-Träger Knut Hamsun) befindet sich – auf Initiative meiner Eltern Günther und Gretel Bockemühl – im Heinrich-Heine-Archiv in Düsseldorf. Leider werden von dort aus keine Impulse gesetzt, es einer heute sicher erst zu interessierenden und dann vielleicht auch interessierten Öffentlichkeit seiner dichterischen Bedeutung angemessen zu präsentieren.

Vielleicht vermag es die Großfamilie Bockemühl, die Erinnerung an einen ihrer bedeutendsten Söhne – auch über das bevorstehende Familientreffen im Mai 2001 hinaus – wachzuhalten.

 

Quellen:  Hartmut Bockemühl, im April 2001

 

 

 

 

error: Alert: Content is protected !!