Annodazumal

“ANNO DAZUMAL”
  . . . am Peddenberg in Drevenack

So wie es ersterbeneswert ist, heute noch existierende altehrwürdige Gebäude unter Denkmalschutz zu stellen, soweit diese heimatgeschichtlich wertvoll sind, so sehr ist es aber auch angebracht, alte Fotos oder sonstige Abbildungen längst verschwundener, historisch interessanter Gebäude sicherzustellen, um sie der Nachwelt zu erhalten. Was wäre für die Veröffentlichung solcher Bilder mehr geeignet als der Heimatkalender?  Wer von den heute Lebenden kann sich noch an die alte Windmühle und das ehemalige “Posthaus” am Peddenberg erinnern? Der Verfasser besitzt unter alten Familiendokumenten noch eine buntlithografierte Ansichtspostkarte von Peddenberg aus der Zeit um die Jahrhundertwende, worauf als Bildauschnitt auch die alte Windmühle dargestellt ist.

Hören wir, was die alten Bilder erzählen: 

Windmühle

Dort, wo der „Postweg” nach Voßhövel von der alten, unter Napoleon erbauten Weseler Landstraße am Peddenberg abbiegt, stand unweit der heute noch bestehenden Gastwirtschaft Schürmann früher eine Windmühle. Ich kann mich aus meiner Kindheit (vor ca. 50 Jahren) noch gut daran erinnern. Allerdings war sie schon nicht mehr im Betrieb, sondern stand als Ruine, mit teilweise fehlenden Flügeln, einsam und verlassen in der Heidelandschaft. Wenn wir als Kinder im Ersten Weltkrieg in den Schulferien auf „Bohnekamps-Hof” zu Besuch waren, wurden wir immer mit der Pferdekutsche von und zum Bahnhof gefahren, der damals noch nicht Drevenack, sondern Peddenberg hieß. Einer meiner ersten Peddenberger Eindrücke war die Windmühle, an der unser Weg zum Bohnekampshof vorbeiführte. Die fast ganz aus Holz bestehende Mühle war damals schon im Besitze meines Onkels, des Guts- und Sägewerksbesitzers Dietrich Bohnekamp, der sie auf Abbruch gekauft hatte. Als Junge bin ich da oft mit meinen Vettern in dem alten baufälligen Mühlengehäuse herumgeklettert. Aus jener Zeit stammt meine romantische Vorliebe für Windmühlen, die ja seitdem leider bis auf ganz wenige Exemplare am Niederrhein verschwunden sind. Auch meine Vettern teilten meine Windmühlenschwärmerei. Ich entsinne mich, daß sie nach dem Vorbild der Peddenberger Mühle damals ein größeres Windmühlenmodell aus Holz bestellten, das eine Zeitlang auf Bohnekampshof auf einem Zaunpfosten seine Flügel drehte.

Die Peddenberger Mühle war eine sogenannte Kokermühle, ein Mittelding zwischen einer Bock- und einer Turmwindmühle. Derartige Mühlen kamen am Niederrhein relativ selten vor. Die Mühle war bis auf das gemauerte Fundament mit der großen Einfahrt, der sogenannten „Hölle”, ganz aus Holz. Sie muß ein ziemlich ehrwürdiges Alter gehabt haben. Genaueres hierüber läßt sich nicht mehr feststellen. Auf jeden Fall hat sie zur Zeit Napoleons und der Befreiungskriege bereits bestanden. In den „Reminiszenzen” des Hünxer Lehrers Peter Wilhelm Bönneken (meines Urgroßvaters) aus jener Zeit ist an einer Stelle von „einer Plänkelei an der Mühle in Drevenack zwischen einigen preußischen Husaren und französischen Recognitionsgruppen von Wesel” die Rede. Hiermit kann nur die Windmühle am Peddenberg gemeint gewesen sein.

Vor dem Ersten Weltkrieg war sie unter dem letzten Müller Lohmann, mundartlich „Mölder-Lohmann” genannt, noch in Betrieb. Der Müller wohnte nicht in der Mühle, sondern etwas abseits, am Wege auf Lühlerheim-Marienthal zu. Mit den beiden kleinen Häusern neben der Mühle hatte es folgendes Bewandtnis: In dem vorderen Häuschen mit dem kleineren Schornstein hat zuletzt eine kleine Dampfmaschine gestanden, die wie bei vielen Windmühlen während des Dampfmaschinen-Zeitalters zusätzlich eingebaut wurde, um bei Windstille ein Hilfsaggregat zum Antrieb des Mühlenwerkes zu haben. Wahrscheinlich wurde in dem gleichen Häuschen auch das Korn gelagert, das der Müller von den Bauern manchmal als Entgelt statt des Mahllohnes bekam. Es war damals so:

Die Bauern brachten ihr Getreide (in Drevenack meistens Roggen, Hafer und Buchweizen und nur wenig Weizen) zur Mühle. Entweder bezahlten sie das Mahlen nach dem Gewicht, oder aber der Müller behielt einen bestimmten Prozentsatz des Mahlgutes für sich. Das nannte man „maltern” oder mundartlich „möldern”.

Das hintere Häuschen mit dem etwas höheren Schornstein enthielt eine Backstube. Hierhin brachten die Drevenacker und die Bauern der Umgebung an bestimmten Tagen den fertigen Brotteig, der von Müller Lohmann zu Brot verbacken wurde. Jedes Brot zu backen kostete 10 Pfennig. Dieser Brauch galt noch über die Jahrhundertwende hinaus bis in die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Es gab allerdings auch einige Höfe, auf denen noch selbst Brot gebacken wurde. So erinnerte ich mich aus jener Zeit noch gut an den köstlichen „Bauern-Stuten” auf Bohnekampshof, den die Gutsherrin höchst eigenhändig buk.

Gegen Ende des Ersten Weltkrieges oder kurz danach wurde die immer baufälliger werdende Mühle dann abgerissen, und nichts erinnert mehr an die Zeit, als die Mühle schon von weitem den Wanderer mit munter sich drehendem Flügelkreuz begrüßte. — In diesem Zusammenhang sei noch erwähnt, daß in Drevenack auch der wohl letzte Mühlenbauer des rechten Niederrheins lebte. Es war Bernhard Hüser (gest. 1944), der diesen heute ausgestorbenen Beruf noch handwerklich als selbständiger Meister ausübte. Sein Sohn Karl Hüser wirkte bis zu seiner im März dieses Jahres erfolgten Pensionierung als Hauptlehrer an der Drevenacker Dorfschule.

Bernhard Hüser stammte aus einer alten Zimmermanns-Familie, hatte zunächst auch den Zimmererberuf erlernt, später sich aber in dem technisch sehr schwierigen Mühlenbauwesen selbst weitergebildet und von seinem späteren Schwiegervater das Mühlenbaugeschäft übernommen, welches er in Drevenack weiterführte. Hüser betreute die vielen Windmühlen, die es vor ca. 50 Jahren noch in fast jedem Dorf am Niederrhein und auch im angrenzenden Westfalenland gab. Seine Haupttätigkeit bestand in Reparatur- und Erneuerungsarbeiten an den Mühlen bis ins Westfälische hinein (Marl sowie Groß- und Klein-Reken). Er hat aber auch noch Mühlen-Neubauten erstellt, so z. B. die heute noch unter Denkmalschutz stehende Windmühle in Baerl bei Moers am linken Niederrhein. Sein Sohn Karl Hüser kann sich noch lebhaft an die vielfältigen komplizierten Arbeitsvorgänge in der Werkstatt seines Vaters erinnern. Leider ist mit dem Aussterben der Windmühlen auch der seltene Beruf eines Mühlenmeister, im Volksmund auch „Mühlendoktor” genannt, verschwunden.    

Das alte Posthaus

Nicht weit von der Windmühle, da wo sich heute die Gaststätte Nossack (früher Schüring) befindet, stand bis kurz vor der Jahrhundertwende noch das alte Posthaus, das noch die Postkutschenzeit erlebt hat. Es war Halteplatz der fahrenden Personenpost, die damals von Wesel nachMünster und weiter nach Berlin führte. Im Posthaus residierte ungefähr seit den  vierziger Jahren des  vorigen Jahrhunderts  mein Urgroßvater  Peter  Nikolaus  Royer.

Trotz seiner halbfränzösischen Abstammung (ehelicher Sohn eines napoleonischen Grenzbeamten und einer Krudenburgerin) war er ein preußischer Patriot und Postmeister von altem Schrot und Korn. Mein Vater erinnerte sich noch, ihn an hohen Festagen in einer prächtigen Gala-Postuniform mit einem Zierdegen gesehen zu haben. Er hatte bei den Ulanen in Düsseldorf gedient und war auch später noch ein passionierter Reiter. Nebenbei betrieb er in kleinerem Umfang auch Landwirtschaft und war noch königlicher Steuereinnehmer und Gemeindeverordneter. Seit 1855 Witwer, lebte er mit seinen drei hübschen Töchtern, von denen eine später meine Großmutter wurde, in dem alten, von hohen Linden umstandenen Posthaus. Es war also eine Art „Dreimäderlhaus”, wenn man dieses Wiener Wort auf die etwas schwerblütigere  Niederrhein-Landschaft übertragen darf.

Der Postmeister oder „Postexpeditor” Royer führte ein geselliges Haus, in dem die Drevenacker Honoratioren und viele befreundete Famlien aus der Umgebung verkehrten. Im dienstlichen Verkehr soll er sehr streng und unnahbar wesesen sein. Sonst war er liebenswürdig und ein flotter Tänzer. Eine meiner Großtanten erzählte in ihren Aufzeichnungen: „. . . Wenn er beim Contertanz den „Fickert” schlug — er hob sich dabei mit beiden Beinen wie ein Ballon in die Luft, schlug die Beine zusammen und machte darauf wieder stramm seine Verbeugung —, das kann man nicht beschreiben, man muß diese Gewandtheit gesehen haben. Seine Parterin war gewöhnlich Tante Lühl. Die drehte sich in ihrer großen Krinoline rechts herum und links herum in ihrer ganzen Würde . . .”

Als 1875 die Bahnstrecke Wesel—Haltern in Betrieb genommen wurde, und sich der Fahrbetrieb von der Postkutsche auf die Eisenbahn verlagerte, sank das Peddenberger Posthaus in seiner Bedeutung und wurde ein Landpost-Zustellamt. Nach Royers Tod (1882) wurde die Post noch durch eine seiner Töchter (meine Großmutter) bis zu ihrem Tod im Jahre 1891 weitergeführt. Dinn ging Haus und Post auf die Familie Schüring über, die neben dem Postbetrieb noch eine Gastwirtschaft einrichtete. Die alte Fotografie stammt aus dieser Zeit. Als das Haus dann im Jahre 1899 abbrannte, wurde das heute noch stehende Haus Schüring erbaut und im Jahre 1900 bezogen. Nachdem der kürzlich verstorbene Schwiegersohn von Schüring, Herr Nossack, in den zwanziger Jahren die Gaststätte um ein Kolonialwarengeschäft erweiterte, gab er die „Post” auf. Sie blieb noch eine Zeitlang unter anderer Verwaltung im Schüringschen Hause und wurde dann von dem Gastwirt Mölleken und seiner Tochter im Dorf Drevenack übernommen. Seit dieser Zeit verschwand auch die alte Ortsbezeichnung „Drevenack, Post Peddenberg” und wurde amtlich in „Post Drevenack” umbenannt. Seit dem letzten Jahre besitzt Drevenack dann auf dem Gelände des früheren Bohnekampschen Sägewerkes ein neues, ganz modern eingerichtetes Postamt, so daß von der alten gemütlichen Post-Romantik nichts mehr übriggeblieben ist.


Die ehemalige Post gegenüber dem Lindenhof (3-Linden) beherbergt heute den “Drevenacker Imbiss-Grill” am Peddenberg (Stand Nov 2018).

 

Quellen: Ernst Bönneken                                                           Heimatkalender 1976