Novemberlicht

Novemberlicht

Auch diese diesigen Tage der spätherbstlichen Zeiten liebe ich, so sehr ich die Autofahrer, denen der schwer lagernde Nebel („mesteg We’er”, wie der Holländer sagt) zur Gefahr werden kann, bedaure. Der Landstraße und auch dem Dorfe fern schreite ich die einsamen Wege zwischen den Feldern hin, von wo aus mir der Wald nur wie ein dunkler Wall erkennbar wird und die kleine alte Kate wie unter einer schweren Last geduckt erscheint. Einige Raben umfliegen den in der Landschaft auch selten gewordenen, von schwarzen hohen Kiefern umstandenen Kornhaufen. Ich erinnere mich des in diesen Zeiten gespensterhaften Bildes der halbzerbrochenen Windmühle noch und der entblätterten, in der Nässe frierenden jungen Birken der Heide, in der die Wacholder ihren dunklen Mantel enger um sich gezogen haben, und der wohl tausendjährigen, von Vergangenheit umhangenen schwarzen Eichenstümpfe, die auf der erhöhten Landwehr ihre Astarme drohend recken. Alles, auch die Erlen und Pappeln des Weidelandes, sind wie ins Geheimnis gehüllt. Die beginnende Dämmerung läßt mir die übernebelte späte Nachmittagsstunde nur noch dunkler erscheinen, so daß ich sogar auf den mir sonst bekannten Weg achten muß, zumal der Graben neben dem schmalen Gehpfad tief und voll Wasser ist. Seltsam, wie die wenigen Stimmen gedämpft erscheinen, die Laute einer krächzenden Krähe über mir, das Gerassel einer wohl letzten Rübenkarre, die der Bauer mit seinem Pferd zum Hof bringt. Der Hof ist nicht fern. Im Näherkommen höre ich das Bellen des Hundes wie hinter einem Vorhang, und als sich die Tür des Kuhstalls öffnet und aus ihm in geblähtem Licht ein weißer Schwaden strömt, auch das Brummen der Kühe. Es ist alles um mich her wie verwandelt, als ginge ich durch eine andere als die alltäglich gewohnte Welt, und die Verwandlung macht sich auch in mir bemerkbar, indem das Geheimnis dieser Stunde auch über mich Macht gewinnt.
Ist es nicht seltsam, daß die Alten hierzulande die Erlen wie die Elfen gleicherweise Elsen nennen und das Gelände unweit des „Totenkellers”, der zum Schloß gehörigen Erbbegräbnisstätte, wo einst neben den mächtigen Eichen Erlen und Ebereschen, Weiden und Pappeln gediehen, Eiskamp? Dort liegt heute noch unter dem Dunkel der Kiefern das „Schwarze Wasser”, nahebei verlandet der Torfsee, das „alte Venn”, aus dem nun die zwölfte Stunde der Nacht, vom schwarzen Hund mit der glühenden Kette verfolgt, die weiße Jungfrau hervorschwebt. — Woher sollen sich die Geistergeschichten dieser Heimat im Gedächtnis der Alten erhalten und bis auf den heutigen Tag überliefert haben, wenn nicht von den Nebelbildern über den schwarzen Moortümpeln und -weihern und den geheimen Wiesengründen innerhalb der finsteren Waldverborgenheiten? Ich habe die weißen Gestalten selbst gesehen, wenn sie im Wind um alte Weidenstümpfe schwebten. Ist nicht solch unendliche Stille einer für das Auge undurchdringlichen Nebelwelt überreich an Bildern und Gestalten vielerlei Geschehens?!
Viele unerklärliche Geheimnisse und rätselhafte Schicksale von Schuld und Sühne birgt in sich das Leben. Alle Spukgestalten haben einen Grund in irgendeinem Glauben, der immer wieder geltend wird, wenn das Wissen versagt. Und wenn sich eine Schuld nicht erkennbar im Leben rächt, dann gehen in nebeldurchschleierten Nächten die ruhlosen Toten um, und selbst die stummen Wacholder und Weidenstümpfe werden unter dem irrlichternden Mondschein zu drohenden Gestalten. Im Holdiek tanzen die weißen Elfen in der Zeit des „jungen Lichts” um die Weiden, Gagel und Erlensträucher, zwischen deren Zweigen die Krone des Erlkönigs leuchtet. Selbst mythische Bilder der Vorzeit sind noch nicht geschwunden. Und wer vermag sich selbst solchen Eindrücken, unter denen sich die Phantasie auf eigene unkontrollierbare Wege begibt, ganz zu entziehen? Woher kommt es denn, daß sich sonst starke Naturen scheuen, nachts um die zwölfte Stunde einsam zwischen Friedhofsgräbern zu wandeln? Und wer die einsamen Heidenächte nicht selbst erlebt hat, der kann nicht wissen, inwiefern ein Gang durch Nebel und Nacht eine gänzlich andere Welt bedeutet.
Das sind so Gedanken, zu denen man in diesen diesigen spätherbstlichen Zeiten veranlaßt werden kann, in Stunden, in denen die Dinge wie verschleiert und verwandelt dastehen und von denen ich sagte, daß ich sie Hebe. Ich liebe auch die Dämmerungen, diejenigen des Morgens, wenn die Nacht aus dem Zimmer weicht oder aus Wald und Feld und aus den Straßen der Stadt, mit unsichtbaren Wogen, unsichtbaren Schleiern — denn man sieht die Wogen und Schleier selbst nicht —, nur ist es so, als seien sie doch dagewesen und nun stückweise, schichtweise dahingeschwunden . . . bis die Sonne über den Horizont scheint und ihr Licht des neuen Tages über die Landschaft gießt. Und in derselben Weise, wie es morgens schichtweise heller wird, so wehen abends nach Sonnenuntergang von den Bäumen oder den Mauern der Häuser oder den Wänden der Stuben die Dämme* rungsschleier nieder, und es breitet sich die Stille über die immer mehr den Augen ent= schwindenden Dinge im Raum und in der Landschaft aus, und es wird dunkel. Novemberstürme brausen Dunkelheiten in die Tage, schichten Dunkelheiten über das Land, bis die Dämmerungen des Morgens und des Abends ineinander übergehen, auf daß Winter werde. Soll ich darum etwa den November nicht lieben können? — Auf meinen einsamen Gängen durch die verschleierte Welt ward mir wohl bewußt, daß der Sommer dahin ist und auch der Herbst. Keine Blume mehr am Weg und Grabenrand und selbst die späte Wegewarte am Hang und in der Wiese die Herbstzeitlosen sind verblüht. Eine letzte blasse Kornblume am Feldrain kann nur als das Sinnbild des Sterbens gelten. Es war auch kein Wind, kein Rauschen und Zweigbewegen mehr, nur daß ab und an ein buntes Blatt, wie von sich selbst getragen, langsam und unhörbar niederschwebte. Die Novemberstille ist ohne Bewegung, ohne Lied und Klang und ohne einen einzigen Laut. Je mehr mein Blick vom Nebel begrenzt ist, je undurchdringlicher die grauweiße Fülle wird, um so weiter spüre ich die Unbestimmbarkeit der end- und anfanglosen Welt, um so unendlicher wird sie mir. Ich weiß, daß man den Begriff des Unendlichen nicht steigern kann, sprachlich nicht, im Empfinden eben doch. Es war mir, als schritte ich durch die Ewigkeit und von einer geheimnisvollen Macht, die wir nie erkennen und dennoch ahnend wissen, behütet.
Ich liebe die Landschaft des Niederrheins, gleich, ob auf den Heidehöhen oder im breiten Marschland des Stromtals, ich liebe sie um ihres Unendlichkeitscharakters willen, und ich liebe die diesig nebeligen Tage, weil sie das Geheimnis des Lichtes in sich schließen. Der November, „der dunkelste Monat Gottes”, und auch die ihm folgenden Wochen tragen in sich die Erwartung in das Licht der Weihnacht. Und die Erwartung ist oft inniger, frommer, als die Erfüllung selbst. Es ist die stillste Zeit des Jahres, wenn der Tag kaum begonnen hat und die Nacht schon wieder auf ihn wartet, und man das Empfinden hat, als sei die Dunkelheit überhaupt nur um des Lichtes willen da.

 

Autor:   ERICH BOCKEMÜHL aus dem Heimatkalender von 1962

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