Minele, eine Herbstelegie

MINELE, EINE HERBSTELEGIE

Wenn zwischen Regen und immer wieder Regen plötzlich und ganz unerwartet ein sonnig goldener Herbsttag mit blauem Himmel weithin aus den trüben und feuchten Dämmerungen hervorgeht, dann ist es bei mir immer wieder so, wie es einstmals war, wenn mir Minele hinter Georginen und buntem Phlox her lachend einen rotbackigen Pfirsich entgegenwarf. Wir waren Nachbarskinder und so lieblich heiter miteinander befreundet, wie Mineies weiße Leinenkleidchen mit bunten Blumen geziert waren. Phlox, diese süßduftende Blume, die der Herrgott ganz gewiß als Muster für den Zierat der Mädchenkleider hat wachsen lassen, blüht allemal den Sommer in den Herbst hinein.
In unserem Lande der Ebene vergehen die Farben unter dem gleißenden Sonnenlicht, und erst ein bewölkter Himmel läßt die Gärten und die Fluren mit der Einfachheit des „Gelb und Rot und Weiß und Blau” — („daß ich meine Lust dran schau”, haben wir in der Schule gelernt) — um so bunter und um so heiterer erscheinen. Minele … es war auch später nie etwas von Sommerglut der „Liebe” in unserer Freundschaft. Wir waren ihrer ja auch gewohnt seit unseren frühesten Tagen. Man hätte eher noch von einem bleibenden frühen Frühling reden können. Aber es war denn doch ein Herbst geworden, ein früher Herbst mit seiner stillen Ergebenheit und mit seinen Blicken, die manchmal wie hinter feuchten Nebeln noch zu lächeln scheinen. Ob Minele früh schon etwas ahnen mußte?
Minele — wie sie aufjauchzte, als der Lehrer das bunte Herbstbild entrollte, an dem wir richtig sprechen lernen sollten: „Der Knabe hat den Hut in das Gras gelegt. Das Gras ist grün. An dem Hut steckt eine Hahnenfeder. Die Feder ist bunt.” Ergebnis? „Der Knabe hat den Hut mit der bunten Hahnenfeder in das grüne Gras gelegt.”
Minele durchbrach das Gesetz der allerbesten Methodik, indem sie jubilierend aufjauchzte und sprechen konnte, wie es ihr der liebe Gott gegeben hatte und wie es sie kein Lehrer lehren konnte: „Die Kapelle da oben, und der Schäfer mit den Kühen. Bei uns sind die Kühe immer auf der Weide, auch nachts, bei denen da bringt sie der Hirt nach Hause, und der hat da ein Tuthorn . . . und der Junge da mit der blauen Bluse, und der Hut ist grau, da läutete eine Glocke und da der Himmel, und wie das Haus ganz goldig ist . . .” Es war ein Lobgesang auf den Herbst, in dem auch die Zwetschen und bunten Äpfel auf den Bäumen mit dem gilbenden Laub nicht vergessen waren. Ein aus dem Herzen und der Freude gesprochenes Lied war es, das den Lehrer nicht weniger erfreute als die ganze Kinderschar. Wir waren in jenen Zeiten noch kleine Schulkinderlein, das Minele und ich. Später sind wir im Zuckerkirschbaum umhergeklettert und haben uns die Steine gegenseitig an den Kopf geworfen oder ins Gesicht „geschossen”. Und wieder etwas später begleiteten wir den Knecht, wenn er Klee holte und warfen uns hernach in den süßen Duft, in die kühle Frische und ließen uns heimwärtsfahren. Und auf der Treppe saßen wir und nagten an den frischroten Möhren. Minele säuberte eine ander Pumpe, und wir bissen abwechselnd in dieselbe Süße hinein. Und dann zuweilen kam mir zwischen Blumen her ein dicker Pfirfich beinah ins Gesicht geflogen.
Liebten wir uns? Ist es nicht viel schöner und bescheidener gesagt: Wir hatten uns lieb? Als mir später meine Mutter, indem sie die Hand auf die meine legte, sagte, daß Minele sehr krank sei und bald sterben werde, was sie aber selbst nicht wissen dürfe, wurde das, was wir unsere Liebe hätten nennen können, so wunderbar herbstlich umgoldet, so schmerzlich umholdet, daß mir die stillen Bilder unvergeßlich sind. Wir fuhren in der kleinen Gig mit dem Pony über Land, sie und ich, und niemand „dachte sich etwas dabei” (wie man so sagt), weil man unser Miteinandersein gewohnt war. Ich mußte dann alsbald meiner Ausbildung wegen das Elternhaus verlassen und wohnte Jahre später am Rande der großen Stadt und kam wieder einmal von Mineies Grab zurück, saß am Fenster meiner Stube, von wo aus ich über die gereiften Gärten schaute, und fühlte mich umschwebt von den schwermutsüßen und doch so verklärenden Melodien des Requiems von Anton Bruckner und sah Mineies Lächeln wieder einmal und hörte ihr fröhliches Zwitschern zwischen blühenden Georginen und buntem Phlox . . .
Sehr, sehr fern geht in unserem Lande die Sonne unter. Die Horizonte liegen in der Unendlichkeit, und wunderbar ist die Musik des schwindenden Abendrots, von der man weiß, daß sie von jenseits zu uns herüberklingt. Mit einem Gruß, Minele, von dir . . .?
Und ob dies alles wahr gewesen ist im äußeren Sinn? Es findet sich im Nacherleben einer Kindheit manches zusammen, was getrennt voneinander war, zum einheitlichen Bild und ist alsdann im innerlichen Wesen dennoch — „halb Mär, halb mehr” — wahr geworden. Hinter blühendem Phlox ein lachendes Mädchengesicht:
Traum und Wirklichkeit in einem — eine Herbstelegie!

 

 

Autor:     ERICH BOCKEMÜHL aus dem Heimatkalender von 1967

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