Lühlerheim

Die Rheinische Evangelische Arbeiterkolonie Lühlerheim

Wer die schöne Landstraße von Drevenack nach Marienthal entlang fahrt, sieht auf der Höhe am Ende einer alten Lindenallee einen großen Gebäudekomplex, zu dem eine Kapelle gehört, deren Dachreiter den Blick auf sich zieht. Das unscheinbare Schild am Eingang der Allee „Rheinische Evangelische Arbeiterkolonie Lühlerheim” wird vielen, die es lesen, nichts zu sagen haben. Und doch sollte uns diese soziale und kirchliche Einrichtung, die einzige ihrer Art am rechten Niederrhein, nicht nur interessieren, sondern auch nachdenklich machen.

Die Arbeiterkolonie „Lühlerheim” ist Ende des vorigen Jahrhundert, in einer Zeit des erwachenden sozialen Gewissens und tätiger Christenliebe, entstanden. Angehörigen beider christlichen Kirchen hatte schon seit Jahren die Not derer auf dem Herzen gelegen, die ohne Wohnsitz, Familie, Arbeit und Einkommen über die Landstraßen des Deutschen Reiches zogen, selbst elend waren und für die Öffentlichkeit mehr und mehr eine soziale Gefahr bildeten.

Wie war es zu solchen Zuständen gekommen? In den Erschütterungen der ersten technischen Revolution, die das ig. Jahrhundert ausfüllt, verfielen alte ständische Ordnungen, und mit der Wirtschaftskrise Ende der siebziger Jahre wurden Hunderttausende von Männern, die zum weitaus größten Teil aus dem Handwerk stammten, arbeits- und obdachlos, ohne durch staatliche Sozialgesetzgebung in solcher Krise ausreichend gesichert zu sein. Mit den vor allem in Süddeutschland begonnenen Wanderarbeitsstätten, mit den „Vereinen gegen die Bettelei” oder mit Polizeiaktionen war es nicht getan. (Im Jahre 1882 wurden z B. allem in Berlin 33 000 Personen wegen Bettelei verhaftet.) Das erkannte besonders klar Pastor Friedrich von Bodelschwingh in Bethel bei Bielefeld. Er gründete 1882 die erste deutsche Arbeiterkolonie Wilhelmsdorf bei Bielefeld. Hier sollte nun solchen Männern, die wurzel- und obdachlos geworden waren („Vater Bodelschwingh” nannte sie seine „Bruder von der Landstraße”), nicht nur Obdach und Versorgung gegeben werden, sondern vor allem Arbeit, durch die sie wieder in einen geregelten Lebenswandel zurückfinden konnten.

Dieses Vorbild stand den Männern vor Augen, die 1882/83 auf Anregung der Rhein.- Westf. Gefängnisgesellschaft sich zu einem „Rheinischen Verein wider die Vagabundemnot” zusammenfanden zur Gründung zweier Arbeiterkolonien auf konfessioneller Grundlage. Der rheinische Provinziallandtag bewilligte insgesamt 200 000 Mark als zinsfreies Darlehen zum Ankauf geeigneter Ländereien und zur Errichtung der notwendigen Gebäude. 1884 wurde für die zu gründende evangelische Arbeiterkolonie die rd. 110 ha große „Lühlerheide” erworben, ein unkultiviertes Heideland zwischen Drevenack, Damm und Weselerwald. Es hat dann vieler jahrelanger Verhandlungen bedurft, bis die „Rheinische Evangelische Arbeiterkolonie Liihlerheim” das Werk aufnehmen konnte und die Rechte einer juristischen Person durch den preußischen Konig erhielt. Am 15. Febr. 1886 wurde die Kolonie mit 19 Kolonisten eröffnet. Aus diesen 19 Kolonisten sind bisher über 19.000 geworden. Mit dem „Rauhen Haus” in Hamburg war der Vorstand übereingekommen, daß ein dort ausgebildeter Diakon die Stelle des Hausvaters in der Kolonie übernehmen sollte. Denn es bedurfte ja nicht nur eines Verwalters oder Aufsehers, sondern eines „Vaters”, um den Männern wieder zurecht zu helfen. Und so ist es bis zum heutigen Tage auch geblieben.

Der Anfang der Kolonie war recht bescheiden hinsichtlich alles dessen, was die Ausstattung und Unterkunft betraf. Äußerlich hat sich da im Laufe der Jahrzehnte manches geändert. Aber das Ziel ist durch die 72 Jahre des Bestehens das gleiche geblieben: entwurzelte Männer durch geregelte Arbeit, eine feste Hausordnung und persönliche Einwirkung wieder dahin zu bringen, daß sie selbständig und verantwortungsbewußt einen Platz im Erwerbsleben ausfüllen können. Lühlerheim soll also im allgemeinen Durchgangsstation sein, allerdings wird es auch, gerade für arbeitsunfähige Alte oder solche, bei denen der Weg in das öffentliche Erwerbsleben aus persönlichen Gründen nicht mehr möglich ist, ein endgültiger Aufenthalt sein. Die Kolonie ist, trotz ihres evangelischen Charakters, immer für alle, ohne Unterschied der Konfession, offen gewesen. Freilich werden manche fragen: „Gibt es denn überhaupt noch heute solche Männer, für die Lühlerheim gedacht war? Ist nicht im Sozialstaat jeder ausreichend versorgt?” Erstaunlicherweise ist die Zahl der „Nichtseßhaften”, wie sie heute vom Gesetzgeber genannt werden, nicht kleiner, sondern großer geworden. Das hat mancherlei Gründe. Jedenfalls hat der Krieg mit Austreibung, Flucht, Zerstörung von Familien, Verlust durch Bomben usw. viele Männer entwurzelt und haltlos gemacht. Allein in Nordrheinwestfalen gab es 1956 174.000 Menschen „unterwegs”. Davon waren 54.000 bis 25 Jahre und mindestens 60.000 bis 45 Jahre alt. Hinter solchen Zahlen verbirgt sich sehr viel Not und Schuld. Lühlerheim ist noch nie so überbelegt gewesen wie im letzten Jahr, obwohl ein Teil der Männer mit wirklichen Notunterkünften vorlieb nehmen mußte. Dabei stehen jetzt, nach Fertigstellung der noch im Gang befindlichen Bauarbeiten, 97 Betten für Kolonisten und 21 Betten für arbeitsunfähige Alte bezw. in der Krankenstube zur Verfügung.

Und was geschieht nun in Lühlerheim mit den Kolonisten? Alle, die kommen, sollen durch geregelte Arbeit und eine feste Hausordnung wieder zu einem geordneten Leben geführt werden. Darüber hinaus soll durch das persönliche und seelsorgerliche Gespräch versucht werden, den Männern, die z. Tl. auch innerlich halblos geworden sind. Halt und Kraft zu geben. Leistungsmäßig gesehen sind die Kolonisten fast ausschließlich nur halbe Arbeitskräfte, aber die Arbeit soll ihrem Leben wieder Sinn und Wert geben. Denn es gilt heute wie ehedem, daß Müßiggang aller Laster Anfang ist.

Während in den ersten Jahrzehnten der Kolonie vor allem Unland urbar gemacht wurde, und zwar nicht nur des Lühlerheims, sondern auch einige tausend Morgen in den umliegenden Gemeinden, besteht die Arbeit jetzt vor allem in der Bewirtschaftung der rund 750 Morgen umfassenden Landwirtschaft. Dabei steht nicht so sehr der Gedanke im Vordergrund, möglichst rationell und maschinell zu wirtschaften, als vielmehr, Menschen, die „draußen” im Leben aus irgendwelchen Gründen nicht fertig geworden oder gescheitert sind, durch sinn- volle und nutzbringende Arbeit wieder lebenstüchtig zu machen.

Diese Arbeit wird heute auch vom Staate dadurch gefördert, daß er Pflegekostenzuschüsse zahlt und Hilfe leistet, um die Kolonie auf einen modernen und leistungsfähigen Stand zu bringen.

Dies letztere Ziel hat in den Jahren nach dem Kriege viel Sorge gemacht und stellt noch auf Jahre hinaus große Aufgaben. Die Koloniegebäude waren nach Kriegsende teilweise vernichtet und im übrigen ausgeplündert und beschädigt. Die Kolonie hatte nach dem großen Bombenangriff auf Wesel im Februar 1945 vielerlei Menschen und Einrichtungen Unterkunft gewährt: Die „Hohehausstiftung” und das Evangelische Waisenhaus waren aufgenommen worden, ein Behelfskrankenhaus wurde eingerichtet und Abteilungen der Sparkasse und des Landratsamtes waren nach Lühlerheim verlegt worden. Ende März 1945 aber besetzten, nach leider opferreichen Kämpfen, englische Truppen Lühlerheim, denen D.P. sowie im Sommer 1945 ein polnisches Lazarett folgten. Die Kolonie mußte geräumt werden und konnte erst nach Monaten in einem außerordentlich verwahrlosten Zustand und völlig ausgeplündert wieder übernommen werden. Dazu waren die Felder verwüstet und die Dränage zum großen Teil zerstört. Die Arbeit mußte unsäglich primitiv, ohne Inventar und Geräte, ohne Vieh und Maschinen wieder begonnen werden Und daneben erwies sich Lühlerheim noch als echtes Kind der Inneren Mission: das Kreisaltersheim, das Evangelische Waisenhaus und eine Reihe koloniefremder Familien wurden, teilweise für viele Jahre, aufgenommen Und es ist dann durch dreizehn Jahre ein sehr zähes Ringen gewesen, das endlich zu dem jetzigen Zustand geführt hat. Nur die Überzeugung von der Wichtigkeit der Aufgabe und ein festes Gottvertrauen konnten den Mut, die Geduld und die Ausdauer geben, das Werk wieder aufzubauen. Wir müssen dabei mit großem Dank unseres heimgegangenen Landrates Erich Bohnekamp gedenken, der durch zehn Jahre hindurch als Vorsitzender des Vorstandes, seine Kräfte in den Wiederaufbau Lühlerheims gestellt hat, sowie unseres jetzigen Vorstandsvorsitzenden, des Herrn Hermann Bohnekamp, der zielbewußt und unermüdlich die begonnenen Pläne durchgeführt hat. Nach all den Neubauten, Umbauten, Neueinrichtungen und Ergänzungen ist die Kolonie heute wieder in einem guten und modernen Zustand Freilich bleiben noch viele Aufgaben. Aber Lühlerheim kann doch wieder die Arme offen halten. Es bietet Geborgenheit den Ruhelosen, Gemeinschaft den Einsamen, Menschlichkeit den Verbitterten und Ordnung den Haltlosen. Über allen menschlichen Bemühungen aber steht das Wort Christi, das uns zum Dienst gerufen hat, das Wort, das über der Tür der Kapelle eingemeißelt ist und allen Kolonisten entgegenleuchtet-.

“ KOMMET HER ZU MIR ALLE, DIE IHR MÜHSELIG UND BELADEN SEID, ICH WILL EUCH ERQUICKEN”


Autor:   
PASTOR GERD NORDMEYER     aus dem Heimatkalender von 1959

 

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