Förster Merkes, eine Märchendichtung

Förster Merkes, eine Märchendichtung

Er sich fürchten vor der alten Kruße, wie man hierzulande sagte, der alten Hexe? Er Förster Merkes, den sie alle kannten und den Starken nannten? Sie hat ihn einmal angeführt, als er das Unglück mit den Kühen hatte, und kam ins Haus wie eine gute Alte und gab ihm Milch in Gottes Namen, wie sie sagte; und da der Förster noch nicht lange Zeit im Weseler Walde, die Leute nicht kannte und also glaubte, daß eine gute Nachbarin sein Unglück rühre, nahm die Milch mit Dank und Freude an. Doch als sein Weib sie kochte, sprangen lauter Hexen aus dem Schaum, polterten durch die Stube, warfen Tisch und Stühle, Teller, Töpfe, Kannen, alles durcheinander, bis er den Besen nahm und schrecklich dreinschlug und das gottverfluchte Hexenpack zum Teufel jagte. Ja, er sich fürchten . . .! Und doch und immer doch: sein ganzes Leben war ein Kampf mit dem Geschmeiß. Nachts rappeln alle Eimer, alle Türen gehen, schlagen auf und zu, obwohl sie doch verriegelt sind, und im Hof liegt morgens eine Kugel, aus der, wenn man auf sie tritt, sieben Katzen herausspringen mit feurigen Augen. Schlagt sie tot! Wenn sie in die Scheune laufen, brennt das Stroh und Haus und Hof. Einen Mönch hat er holen lassen, der den bösen Geist, die Hexenseele, beschwören sollte. Der ließ einen Wagen kommen, und vier Pferde mußten ihn ziehen; denn der Geist, den der Mönch auf ihn geladen hatte, obwohl unsichtbar, war so schwer, daß er anders nicht wegzukriegen war. Hinter das Haus weit nach dem Walde zu setzten sie ihn auf die trockene Weide, und alle Jahre kam er einen Hahnenschritt wieder näher dem Hause zu. „Soll er kommen”, sagte der alte Förster, „wenn ich nur noch solang lebe.” Aber indes er das sagte (es war am späten Abend, wir saßen bei den Karten und tranken Wein dazu), was kommt da leise übern Kies gefahren? „Das ist sie wieder, das verdammte Teufelsaas!” Und er führte uns ans Fenster. Doch wir wandten uns mit Zittern ab, indes er ruhig lächelnd rief: „Einmal, du Aas, werd ich doch stärker sein als du!” Es war die Hexe wieder, die er meinte. In einem kleinen Wägelchen, dessen Räder sich durch ihren Willen drehten, kein Pferd, kein Hund war vorgespannt, fuhr sie vorbei. Und da saß sie, wie ein Weib, mit einem Tierkopf, aber halb Kuh, halb Hund, und statt der Hörner Schweinerüssel. Und daß man die schreckliche Fratze auch recht gut sehen konnte, trug sie ein Licht in ihrer Hand, mit dem sie sich beleuchtete.
Es war dann in der Zeit, als man den Förster drüben am Bach wie tot aufgefunden hatte. Als man ihn anrief, war er wieder wach und ganz gesund. „Das Teufelsaas”, so sagte er, „da hat es mich wieder gehabt. Ein Männchen, klein wie’n Ekerken, springt mir da auf meine Schulter, und ich falle um und muß bis zum Morgen liegen.” Andern Tag geht er auf die Jagd, schießt ein Reh, und das Reh läuft ruhig, als wenn nichts geschehen wäre, weiter. Er schießt wieder, sechs Patronen hat er drauf verschossen, und bei der siebenten verwandelt sich das Tier — wirklich — wieder in die alte Kruße. „Ich brenne ihr eins drauf, noch eins gleich aus dem andern Lauf … da lacht das Aas, wie nur der Teufel selber lachen kann, und springt mit unanständig hochgehobenen Röcken in den Wald hinein.”
Ja, der alte Förster; einmal hat’s ihn doch gepackt; ein Auge hat er noch verloren, drei Tage wars vor seinem Tod: geht er da am Graben an dem alten Weidenbaum vorbei, schweben oder gehen aus der Höhlung des alten Stammes drei Jungfrauen heraus, von denen eine ruft: „Kennst au mich noch?”, und wie Katzen rufen die anderen nach: „Mich auch? Mich auch?” . . . daß er wie versteinert stehen bleibt — und als er nach Hause kommt, fehlt ihm ein Auge, das die Teufelsfrauen ihm ausgekratzt haben. Förster Mer kes ist seit dem Tage nicht mehr in den Wald gegangen, nicht mehr aus dem Haus und nicht mehr aus dem Bett. Die Leute sagen, daß er einen schweren Kampf gehabt habe, er müsse in seiner Jugend einmal etwas Böses getan haben, weshalb auch die drei Jungfrauen ihm noch begegnet seien. Hin und her habe er sich gewälzt, gestöhnt und keine Ruhe finden können, bis er seiner Frau sein ganzes Leben erzählt habe — dann sei er still und ganz in Frieden eingeschlafen.
In dem Augenblick aber, als er die Augen schloß, fegte ein Sturmwind um das Haus; die alte Hexe ritt mit Geheul immer rund und mit einem Feuerschweif hinter sich und habe nach des Toten Seele geschrien. Da aber habe des Försters Frau den Mut gefaßt, sei vors Haus gegangen und habe sich der Hexe entgegengestellt mit ausgebreiteten Armen und anzusehen wie ein großes Kreuz. Einen langen Schrei habe man noch gehört, huiii, als wenn der Wind durch die hohen Kiefern saust, und dann sei Stille gewesen für alle Zeit, und des Försters Frau war nichts geschehen.
Den Förster Merkes haben sie begraben, und keine Hexe und kein böser Geist mehr haben sich sehen lassen. Nur zuweilen, wenn die Bäume wehen und einer von Förster Merkes Geisterkampf und Leiden erzählt, dann klappern die Fensterladen, dann hört man Stimmen im Wind, bis dann alle lachen ob der Gruselei und sich die Hände reichen: dann ist der Spuk gebannt.

 

Autor:    ERICH BOCKEMÜHL aus dem Heimatkalender von 1963

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