Die Hirsche röhren

Die Hirsche röhren

Es ist Abend, und erst noch verdunkeln die Wolken den Mond. Wir waren hinaufgefahren, um die Hirsche zu hören. Und es kann sein, daß man auch in diesen Zeiten eine Stunde oder zwei vergebens wartet. Vergebens — und wiederum auch nicht. Der Wald ist allezeit voll Begebenheiten, und selbst in der Nacht oder vielleicht gerade — um des Ungewohnten willen — an Bildern reich. Man erinnert sich, wie im plötzlich aufblitzenden Scheinwerferlicht mitten auf dem Weg die Ricke mit dem Zicklein steht. Wie die Augen des überraschten Tieres blinken und glühen und tatsächlich funkeln wie ein paar Edelsteine des Waldes. Ist es nicht so, daß man in der lautlosen Waldesstille auch den Himmel genauer beobachtet, die Wolkenbilder, leis beglänzt zwischen den dunkleren Ballen, das ferne Bewegen von uns unerreichbaren Kräften . . .? Schließlich liegt ja auch im Röhren der Hirsche wie in allen Waldesstimmen, ob es sich um Nachtigallenlieder oder um das Bellen der Füchse oder das Schmälen der Rehe handelt, nichts Besonderes, wenn man die Töne, die wohl alle nachzuahmen sind, die man in immer ähnlichen Formen allenthalben zu hören bekommen kann, nicht in den bestimmten Zusammenhängen und Beziehungen unmittelbar im Wald erlebt. Man geht über Wege und stößt im Dunkel an verblühtes Heidekraut. Der Mond lugt etwas deutlicher aus dem grau-weiß-schwarzen Himmelsgewoge hervor. Auf grauen Weiden oder Wiesen zwischen dem niedrigen Gehölz werfen einzelne Bäume lange Schatten. Aber „gespenstisch” ist das alles nicht, obwohl man es gerne sagt, gespenstisch ist auch nicht der schmale Weg durch die nun langgestreckte Heide. Wenn man je die Wacholder wie getreue Eckarte an den Wegen sieht, dann zu dieser Stunde, da man allein wandern möchte, diesen begonnenen Weg immerfort bis zum Morgen, und von diesem Morgen an inmitten dieser lautlosen Stille, inmitten dieser unendlich wunderbar geordneten Natur des Waldes und der Heide wohnen möchte. Wie im Bewußtsein erhabener Kraft und Schönheit stehen große, ragende Tannen im Weg … Es ist gut, mit dem Kraftwagen langsam in den Wald hineinzufahren. Das Licht mit seiner geraden Strahlung erweckt um so stärker den Eindruck, als fahre man in ein immer dichter sich umspannendes grünes Laubgewölbe und als wölbe sich der Wald immer dichter und zugleich immer höher, so, als fahre man in die große umhüllende, in die dichte Fülle tief und immer tiefer hinein.
Aber es ist schöner noch, durch die Nacht zu wandern. Man steht auf der Höhe, man schreitet nieder, wo noch die Wassertümpel auf den Wegen stehen. Man sieht die Baumriesen, Eichen und Buchen im Dunkel, man streift die Wedel des Königsfarns und des Adlerfarns und sieht das Spiel der Lichter vor dem sich immer mehr enthüllenden Mondhimmel. Ein paar Stämme, die am Wege liegen, bieten bequeme Sitzgelegenheit, und man ist ganz still. Ob es notwendig ist im Interesse unseres Waldgangs, daß wir nur ganz leise flüstern und zumeist ganz schweigen? Und wenn wir nichts vor unseren Augen sehen könnten, wüßten wir, daß wir im Walde sind, mitten im Wald, da das Laub, mehr noch kräftig und gesund die Tannen und Fichten, duften, duften das Wesen, die Stille, die Gesundheit, die heilige Natur am Niederrhein im Gehege des Dämmerwaldes.
Wir sitzen auf den Stämmen und horchen nur. Wir hörten schon oben von der Höhe aus, aber sehr fern, den dunklen orgelnden Ton, um deswillen wir hier im Walde sind. Unser Wünschen in uns und die Stille um uns zwingen uns so in das große, allgemeine Waldes-
sein, daß wir nichts als Horcher sind, daß wir dem Waldwesen so hingegeben sind, als horchten wir mit den Organen des Waldes selbst, als seien wir selber fast Natur und Wesen des Waldes geworden.
Und da — heller, höher, tönender als vorhin — der Brunftruf eines Hirsches! Aber auch wiederum noch weit entfernt. Und dann wieder Stille. Der Förster belehrt uns, es war noch ein jüngerer, Achtender vielleicht, der von vorhin war ein älteres Tier, mit mindestens zehn Enden, die alten Tiere orgeln tiefer. Aber wir erheben uns und gehen der eben gehörten Stimme entgegen. Der Himmel ist inzwischen ganz klar geworden, und es wird spürbar kühler. Günstig für uns, wie wir erfahren, und schon hören wir den tief ausdrängenden Schrei näher. „Röhren”, wirklich wie aus tiefen, langen Rohren ausgepreßt, stoßweise, und alsdann sich steigernd zu einem langgezogenen, machtvoll-eigenen Trompetenton, dem dann einiges „Knören” oder Stöhnen folgt. Aber der Hirsch muß ziemlich nahe sein. Wir hören den Schrei wieder, etwas entfernter, jedoch bald schon erweist das erneute Trompeten die wieder größere Nähe des männlichen Tieres. Wir hören das Reisig knacken, und mehr als hundert Schritte kann er nicht von uns sein. Indem sich sein Schrei wiederholt, ertönt von fernher hinter uns deutlich das dunklere orgelnde Rufen, das wir schon zu Anfang vernahmen, wieder und wieder . . . Aber dann wird’s still, und wie ein Widerhall des vorigen, so hören wir die Brunft des Tieres noch einmal fern vom Ende des Bachtales aus. In der Erinnerung ist es uns wirklich, als wenn der Schrei wie ein gewaltsames Losbrechen wäre, als wenn die dunkle Tiefe des Waldes sich selbst plötzlich aufrisse in dies ungeheure Stöhnen der Einsamkeit, der Stille, der Verborgenheit, der Ursprünglichkeit einer aus tiefem Ewigkeitsschlaf erwachenden Natur . . .
Oder was mag die Ursache dazu sein, daß uns Menschen dies eigentlich doch so wenig bedeutsame Geschehen so ergreift? Denn es bleibt keiner unberührt, und auch dann nicht, wenn er’s zum zehnten oder hundertsten Male hört. Ist es auch das Bewußtsein des Hoch-Zeitlichen im Tierleben, der Gedanke, daß das Leben nicht zu Ende geht und sich befruchtet zu immer weiterem Bestehen? Der Hinblick über das Jahr hinaus bis in die Zeit der Juli-Rosen, da im Wald die jungen Hirsche geboren werden? Oder ist es auch die Vorstellung des schönen, stolzen, geweihten Tieres, des Königs des Waldes, der sein Haupt trägt, als sei er sich einer Krone bewußt? Der Waldkönig stößt und trompetet seinen stolzen Ruf in die Nacht während dieser, in seinem Leben geweihten Tage, da er im grünen Waldgehege seine Hochzeit hält, in diesen Zeiten des beginnenden Oktober, da das Brunftgeschrei nicht selten auch zum Kampfgeschrei wird. Dieshalb aber wird es wieder still. Vielleicht, daß überhaupt für dieses Jahr oder in ein paar Tagen wenigstens die Zeit vorüber ist. Wir gehen langsam zurück. Die Mondnacht ist klar, und schön liegen die dunklen Schatten der Bäume im grauen Weide- oder Heideland. Ganz fern von einsamen Höfen bellen die Hunde — wir horchen noch einmal nach hier und dort, freuen uns des Rehbocks mitten auf dem Weg und sind bald schon — es ist fast Mitternacht geworden — der wunderbaren Einsamkeit der kühldurchdufteten Herbstnacht des Waldes entschwunden — nicht aber, ohne ihre Stille und Besinnlichkeit, ohne das Naturhafte ihres Wesens und den wunderbaren Eindruck der Lebenskraft des königlichen Waldtieres mit uns fortzutragen, nicht ohne die Freude und Genugtuung, wieder einmal diese unverbundenen und ursächlich bedingten Stimmen des Waldlebens gehört zu haben.

 

Autor:     ERICH BOCKEMÜHL aus dem Heimatkalender von 1964

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