Das alte Venn

DAS ALTE VENN

Auf dem Sandhügel saß ich, über den grünes Moos gewachsen war unter alten dunklen Kiefern und zwischen Faulbaumgebüsch, dessen rote und blaue Beeren wie Perlen in den Zweigen hingen. Vor mir die dicken Polster aus Sphagnummoos, dazwischen Schilf und Rohr, zur Seite grüne Inseln mit Moosbeeren und Sonnentau, am Rande blauer Enzian und Gagel gesträuch und dann weiterhin die dunkle Wasserfläche, in der sich hohe Uferbäume und der blaue Himmel mit den weißen “Wolken spiegeln. In der Mitte eine kleine grüne Insel mit einer einzigen schlanken weißen Birke, Libellen schimmernd umher, Schmetterlinge  ein Entenschrei, auffliegende Reiher und alles in lautlosem Frieden, in dem ein leise niederschwebendes und die Wasserfläche kräuselndes Blatt ein Ereignis ist. Warum ich immer wieder und wieder und in allen Jahreszeiten in diese Stille wanderte? Im Frühling, wenn ringsumher die Nachtigallen flöten, ist das dunkle Venn weiß in Wollgras eingerahmt, und gelbe Schwertlilien blühen am Uferrand. Im Sommer ist hier der Schattenraum der grünen Waldeskühle, im Herbst die goldene Verklärung milder Abendstunden: bunte Blätter schweben nieder, und die Stunde ist mit Spinnwebfäden in den Traum verwoben . . . und im Winter schläft von dunklen Bäumen hoch umhegt der stille Torfsee, und die Vogelspurcn auf der Eisfläche im weißen See sind wie Erinnerungen an zarte Schriftzüge, an zarte Äderchen auf einer weißen Hand, an feine Fältchen um lachende Augen.
Die Augen weiten sich immer wieder im Schauen über die Heide und die ebenen Felder, im Blick zum weiten Himmel. Und ob so oder so, und welche Wege ich ging: mitten im Wald ist die Geborgenheit dieses Friedens. Es war einmal, daß ich im frühen Sommer etwas Gelbes blinken sah drüben vor der rötlichen Glockenheide im Sumpf. Eine Orchidee? Ihrer mehrere, versteckt aber deutlich winkend? Mir war die Blume fremd, und als ich sie hernach bestimmte nartheium ossifragum, war es mir eine seltene Freude, sie, von der in dieser Landschaft niemand wußte, gefunden zu haben. Es kann jemand dieser Freude verständnislos gegenüberstehen. Mag es sein. Ich weiß das eine, daß es in dieser Freude nicht um die Blume selber ging. Und um was? Nun, es mag der Wind wehen und mögen die Bäume rauschen im Wind. Es ist manchmal, daß man in diesem Rauschen ein anderes hört. Musik der Orgel des unendlichen Alls. Und dann ist diese Blume wie ein Gruß der Vorzeit, aus dem Bild der ursprünglichen Landschaft, wie sie unmittelbarer aus der Hand und dem Willen des Schöpfers hervorgegangen ist.
An der „Landwehr” aus der Zeit vor tausend Jahren recken die Eichenstümpfe ihre knorrigen Arme gegen den grauen Himmel. Auf dem Wasser schwimmen gelbe Teichrosen. Kibitzc schwirren auf und nieder, als wenn sie mit aufgeregtem Schwingenschlag und Kiwitgeschrei die Aufmerksamkeit des Schauenden von ihren versteckten Nestern abziehen wollten. Rehe, die sich zwischen Wacholdern und jungen Birken her bis jenseits an die Tränke wagen. Tiere der „Wildnis”, die im geschmeidigen Sprung wie in Gestalt gewordene Anmut zwischen dem Grün über dem Heidekraut gar bald den dämmerig-dunkleren Wald erreichen, der die großen Arme heimatlich schützend über sie breitet. Und was das alles bedeutet, ist, daß man sich hier zwischen Kreaturen Gottes wie geborgen weiß, der Natur verschwistert, selbst Natur zwischen Erde und Himmel, daß man sich als ein Wesen der Natur und Gottes fühlt. Ein Dichter war es, der die „Blaue Blume” suchte, die hier noch blüht, Enzian, der seinen blauen Blütenkelch aus der grünen Blattumhüllung dem Sonnenlicht entgegen öffnet.
Das Empfinden des Schönen beruht in der Liebe zu den Gegenständen. Die Natur ergreift uns am tiefsten immer in ihrer Ursprünglichkeit, da, wo man noch das Urschöpferische ahnt. Herbe Wirklichkeit: Mögen in reichen Gärten seltene Blüten duften: hier atmet man den Ruch der Erde als Schöpfungsodem. Ein Taubenruf. . . Rucku, Rucku und im leisen Windbewegen flüstert die Stille, und wem anders sollte man hier begegnen als Gott selber, der allhier noch Heimat haben kann.

 

Autor:     ERICH BOCKEMÜHL aus dem Heimatkalender von 1968

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